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Presseartikel / Medien
Veröffentlichungen
zu den Themen „Kunst“ und „Einsiedler im Schäferkarren“ erschienen in
zahlreichen unterschiedlichen Medien.
Hier
eine kleine Auswahl.
Klicken Sie einfach auf den Titel oder –
bei verschiedenen Erscheinungsterminen – auf das Datum.

Ein Blick aufs
Schäferlauf-Plakat
der Stadt Wildberg im
Schwarzwald
Oktober 1973

April 1995
„Isch
dees denn a Vogelnescht?“

dpa
- Deutsche Presseagentur
Mai 1998 August 2008
... dass die
Lithographie ausstirbt

Juli
1999
Kirschbäume
können das Anpinkeln nicht ertragen

Juni 2000
... alle Orte im Radius von 20
km um seinen Schäferkarren portraitiert

März
2001
Philosoph im
Schäferkarren

November 2001 August 2014
Dichterworte
aus dem Schäferkarren

November 2001
Einfach leben

Juli 2003 November
2014
Einer, der die Natur liebt

Januar 2007
Der Himmel brennt

Juli 2007
Ganz draußen

April
2007
Schäferkarren-Romantik

Dezember
2009
Leben im Schäferkarren
SÜDWEST PRESSE
Juli
2011
Niemals Ärger
mit den Nachbarn

Januar 2011
September 2015
Er trägt
das Humor-Gen in sich

August 2011 Oktober 2017
Plakate sind
nicht immun gegen die Moderne
Aus
dem Buch: Allein ist auch genug

Juni
2013
Über den Einsiedler Hans
Anthon

April 2013
Allein mit ihm
Reportage
der Hochschule der Medien, Stuttgart

August 2013
Einsam, entlegen, erfinderisch
Klaus
Bauer ist ...

September
2013
Kunstfertiger
Erfindungsreichtum, gespickt mit Humor

April 2014
Allein auf weiter Flur
März 2020
Jenseits des
Weltgetriebes

Oktober
2014
„Das Leben hier in der Höhe tut mir einfach gut“

Dezember
2014
Vom Glück, wenig zu besitzen
Aus dem Buch „Wilder
Schönbuch“

Februar 2015
Philosoph in
der Wildnis
Aus
dem Magazin: Mein Ländle
Die
schönsten Seiten Baden-Württembergs

März
2016
Im
Künstler-Karren
Aus
dem Buch:
111
Orte in und um Tübingen,
die
man gesehen haben muss

November
2016
Das Museum
Anthon
Aus dem Buch:
K L A U S E
Wie moderne
Einsiedler leben“


Hans Anthon Wagner
Aus dem

September 2017
Schäferwagen - Leben auf
einer Achse

Februar 2018
Breitenholz
Film
des Südwest-Fernsehens

Mai 2018

Juni 2019
Ein Siedler
Aus
dem Buch

Große Kunst ganz klein - Das
Museum Anthon
Oktober 2019

BONN
Corona: Die Einsamkeit als lehrsame Erfahrung
April
2020

Februar 2021
Hans Anthon
Wagner
lebt in einem
Schäferkarren
Plakat zum Wildberger Schäferlauf

Seit 1723 feiert das Schwarzwaldstädtchen Wildberg
seinen Schäferlauf. Besucher von nah und fern sind eingeladen, den Umzug
durch die Straßen und den Wettlauf der Schäferinnen und Schäfer zu erleben.
Überall machen Plakate das Ereignis bekannt, doch kaum jemand weiß, dass im
abgebildeten Schäferkarren ein Dichter und Maler seinen Traum vom Leben, fern
aller zivilisatorischen Errungenschaften, verwirklicht hat.
Siehe auch die folgende Info.
Wie im Schwarzwälder Bote zu lesen war, hat sich der
Wildberger Bürgermeister Ulrich Bünger entschieden, ab dem Jahr 2018 ein
neues Plakatmotiv zur Werbung für den Schäferlauf einzusetzen. Dem aktuellen
Werbetrend angepasst, soll darauf ein kleines, blondes Mädchen ein zottiges
Schaf liebkosen. Da sträuben sich einem alten Graphiker und Tierfreund die
noch verbliebenen Kopfhaare und er fragt sich: Warum tauscht Herr
Bürgermeister nach über 40 Jahren ein zeitlos gestaltetes und weit über die
Grenzen der Stadt hinaus bekanntes Plakat für diese vergängliche Mode ein?
Und hier noch ein Klick zum
Foto von
Manfred Grohe
für die Stuttgarter Zeitung.
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Ein (Breiten)hölzernes Geheimnis regt zum
Nachdenken an:
„Isch
dees denn a Vogelnescht?“
von Volker Dietrich
Warum ein „Traum-Baum“ vor der Breitenholzer
Alten Molke seinem Besitzer künstlerischen Genuss serviert.
Eigentlich wollte der Mann vom Paketdienst
nur das tun, was er immer tut, wenn es um eilige Warensendungen geht:
Hinfahren, Ware abstellen – und dann nix wie weg. Private Kurierdienste
arbeiten nach dem Motto: Zeit ist Geld – und Geld muss schnell verdient
werden. Also fuhr der Mann vom Paketdienst nach Breitenholz, suchte die Alte
Molke, fand sie auch - und tat nun etwas, was er nie zuvor getan hatte: Er
kam, sah und wollte auf keinen Fall schnell wieder weg. „Reden wollte er“,
sagt Hans Anthon Wagner, „von mir unbedingt wissen, was es mit diesem Baum da
auf sich hat.“
Und schon war wieder einmal das passiert, was recht häufig passiert,
wenn ortsunkundige Leute durch Breitenholz kommen: Sie sehen diesen sltsam
ver- und gebogenen Baum, fragen sich, was das soll, finden keine Antwort –
und fragen, falls nicht zu feige, mal eben kurz beim Besitzer nach.

Wer klingelt und Glück hat, dem wird Hans Anthon Wagner die Tür
öffnen, aller Wahrscheinlichkeit nach wird er wissend lächeln, und
anschließend sanftmütig und im gepflegten Schwäbisch zurückfragen: „Ja was
moinet denn Sia, was dees mit deam Boam soll?“ Hans Anthon Wagner ist von
Beruf Grafiker. Ein sogenannter bildhafter Gestalter. Das sind Leute, deren
Handarbeit dann beginnt, wenn die Kopfarbeit zufriedenstellend beendet ist.
Also hat er schon damals, vor knapp zehn Jahren, dieses daumendicke
Gewächs nicht einfach so in den Boden gepflanzt. Er kannte seine
Wuchsfreudigkeit und Biegefestikeit – diesen idealen Werkstoff für’s
Gestalten. Am 21. März 1992 hat Hans Anthon Wagner dem vor der Alten Molke
wachsenden Baum schließlich die Krone aufgesetzt. Er nennt sie seinen
„Würfel“. Doch eigentlich ist es nur ein achteckiges Lattengerüst, das in ein
paar Jahren verrotten wird.
Was das aufgesetzte Ding bewirken soll? „Gibs zua, dees wird a
Baumhaus“, hat ihn unlängst einer gedrängelt. Hans Anthon Wagner hat
geschmunzelt. War ebenso amüsiert wie neulich, als ihm ein Spaziergänger,
dazu aufgefordert hat, „das Ding zu verglasen“. Der Vorschlag einer
Rentnerin, „mach doch enn scheena Vogelkäfig draus“, wird wohl ebenso wenig
realisiert werden, wie die Vermutung, der Künstler werde sich in sein
Naturprodukt „eifach neisetza ond entspanne“. Auch die Illusion eines
Zehnjährigen, „wenn’s richtig hochwächst, bauen wir einen Aufzug bis ins
Laub“, bleibt wohl Wunschtraum. Nichts von alledem wird er tun, der
Baumverbiegekünstler.
„Abwarten werde ich“, sagt
er, „mich weiterhin daran erfreuen, wie sich die Leute Gedanken machen und
sich mit dem Wachstum der Natur beschäftigen.“ Auch wird er einen Teufel tun
und den Breitenholzer Traumbaum dadurch zur Wirkungslosigkeit verdammen,
indem er sagt, was die schöne Sache eigentlich soll. „Ich will nicht, dass
die Leute meine Gedanken mit dem vergleichen, was sie sehen. Dann wäre die
kreative Kraft dieses Baumes hinüber“.
Der Künstler lässt die Leute raten und schweigt. Was bleibt ist ein
(Breiten)hölzernes Geheimnis, das von Jahr zu Jahr immer größer wird. Weil’s
die Natur so will, der Hans Anthon Wagner ebenfalls. Es ist wunderschön – und
wir raten: nichts wie hin!
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dpa -
Deutsche Pesseagentur
Dieser Artikel erschien in
zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften
Kunstsammler bedauern,
dass die
Lithographie ausstirbt

Der
Ammerbucher Künstler Hans Anthon Wagner und
seine
Miniaturgrafiken
Foto: dpa
Der Münchner Aloys Senefelder (1771-1834) experimentierte
mit dem Steindruck (litho=Stein) und entwickelte schließlich das Verfahren zum
allgemeinen Gebrauch. Um etwa 1800 erschienen die ersten
Künstlerlithographien. In der Folge bediente sich Goya, Delacroix, Kollwitz,
Picasso und andere dieser Technik zur Vervielfältigung ihrer Zeichnungen. Da
die schweren Kalkschiefersteine (je nach Größe über 200 kg) umständlich zu
handhaben waren, verwendete man stattdessen später auch gekörnte Metallplatten,
mit denen sich die typischen Effekte ebenfalls erzielen ließen, die Künstler
und Sammler der druckgrafischen Blätter besonders schätzten. Doch die komplizierte
Herstellungstechnik schreckt nach wie vor viele ab.
Die Lithographie wäre dem Untergang geweiht, gäbe
es nicht Künstler wie den Ammerbucher (nahe Stuttgart) Hans Anthon Wagner.
Ganz im Gegensatz zur Gigantomanie moderner Kunst schafft er Kleinode
unerreichter Feinheit. Ausgerüstet mit Lupe und gut gespitzten Werkzeugen
entstehen seit zwanzig Jahren unter seinen Händen meisterliche Miniaturen.
Auf 45 mal 45 Millimeter fertigte der Grafiker bis heute mehrere Hundert
Stadt- und Dorfansichten, die in ihrer Vielfalt an die Stahlstiche des Merian
(1593-1650) erinnern und oft schon heute Unwiederbringliches repräsentieren.
Es erstaunt nicht, dass viele der Miniaturgrafiken
des Hans Anthon Wagner schon vor der Herstellung an vorgemerkte Interessenten
verkauft sind. Neben der ästhetischen Bedeutung kann eine Wertanlage solcher
Art auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten erstrebenswert erscheinen:
Die Miniaturen erzielen am Markt schon heute bis zum Zehnfachen des Künstlerabgabepreises.
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Klick zu einem weiteren dpa-Artikel von 2008
Aus Badische Neueste Nachrichten

Die
Schäferkarren-Philosophie des Hans Anthon
Kirschbäume
können das Anpinkeln nicht ertragen
Besuch bei einem
Einsiedler-Poeten
AMMERBUCH (ct). Der steile Hang ist rutschig. Es
regnet in Strömen. Am Ende des Fußweges hinter der letzten Kuppe steht
verträumt der alte Schäferkarren am Waldrand des Naturparks Schönbuch im
nassen Gras. Dem Ofenrohr, das aus der Seitenwand ins Freie ragt, entströmt
weißer Rauch. Die Wassertropfen verdampfen zischend am heißen Blech. Auf die
versprochene Fernsicht zu den Vogesen muss ich wetterbedingt leider
verzichten. Nur möglichst schnell rein in die enge Behausung, die auf zwei
hölzernen Speichenrädern ruht.
Hans Anthon, 54, stößt von innen die Tür auf. Ich
steige auf die Karrendeichsel und schlüpfe hinein. Mein Gastgeber nimmt mir
die Jacke ab und hängt sie raus in den Wind unter das kurze, rundgewölbte
Vordach. Hier baumelt schon ein Rucksack, ein Hut, eine Laterne und eine
lederne Hundeleine. „Seit der Vierbeiner eines Besuchers die hinter dem
Karren gepflanzten Tomaten wieder ausgebuddelt hat, werden Gasthunde
angebunden!“ bestimmt der Hausherr. Das Gedicht über die entwendete Tomate in
seinem neuen Buch „Schäferkarren-Philosophie“ lässt vermuten, dass die
Ersatzpflanzung geglückt ist.

Hans Anthon vor seinem
Einsiedlerdomizil
Durch die kleinen Fensterscheiben fällt gedämpftes
Licht. Ich fühle mich wie in einer gemütlichen Höhle. Die einfache
Einrichtung wirkt aufgeräumt und wohnlich. Es riecht nach frischem Holz. ich
setze mich an den Tisch neben den Ofen, auf dem ein Topf köchelt. Ein
einzelner Stab stützt die Tischplatte auf einer Seite. Die andere Kante ist
mit der Rückwand des Karrens verschraubt. Dort hingeschoben liegen zwei
Bücher unter einem geblümten Teller mit Essbesteck. „Das Essen kommt vor dem
Denken“, schreibt Hans Anthon im Begleittext seines Buches.
Er sitzt mir gegenüber auf der Bettkante, wischt
mit dem Ärmel Brotkrumen vom Tisch und bietet mir „einen Schluck Wein“ an.
Ich könne auch einen Obstler oder klares Schäferkarren-Dachwasser haben –
oder gemischt. Viel Trinken sei wichtig. Es nütze ihm auch später zum Düngen
der Pflanzen rund um seinen Karren. Nur die Kirschbäume könnten das Anpinkeln
nicht ertragen: „Sie harzen bei übermäßig Stickstoff.“ Gleichzeitig schwärmt
der Eremit vom Duft frischer Pfefferminze, die hier direkt neben der
„Haustür“ wächst und einen unvergleichlichen Tee abgebe. Beim Süffeln dieses
Getränks gelängen im die besten Verse.
Früher hat der gelernte Grafiker ein kleines
Unternehmen mit vier Mitarbeitern geleitet, bis ihm ein alter Schäfer seinen
ausgedienten Karren auf die einsame Wiese stellte. Der Dichter zog ein und
spürte ein ganz neues Lebensgefühl. Das ist nun über zwanzig Jahre her. In
kurzen Gedichte begann er. ihn bewegende Erlebnisse und Beobachtungen
aufzuzeichnen. Diese literarische Form erscheint ihm besonders geeignet, die
Essenz einer Begebenheit oder einer Überlegung prägnant wiederzugeben. „Sag
es einfach, kurz und gut; denn wer viele Worte macht, hat zur Kürze nicht den
Mut“, stellt der Dichter seinen Werken voran. Eine Auswahl dieser
Schäferkarren-Poesie ist nun erstmals in Buchform erschienen – ein
wunderbares gereimtes Sammelsurium überraschender Einfälle und
nachdenkenswerter Weisheiten.
Der Einsiedler ist überzeugt, dass mit dem
räumlichen Abstand von einer komplizierten Welt, die Fähigkeit zum einfachen,
folgerichtigen Denken wächst. Analog würden sich Wertmaßstäbe, Einsichten und
Bedürfnisse verschieben. Verzicht könne Gewinn bedeuten, und was er früher
schmerzlich durchlitt, erscheine ihm im Blickwinkel einer neu gelebten
humorvollen Leichtigkeit jetzt oft bedeutungslos.
Durch die „Schäferkarren-Philosophie“ des Hans
Anthon schimmert die Idylle eines einsamen Naturparadieses, doch die Gedichte
beschränken sich nicht auf dieses Thema. Der Einsiedler schildert die Aussage
eines gestressten Wirtschaftsbosses nach der Lektüre seines Werkes: „Das Buch
stellt eine große Verführung dar, sich der beengenden Krawatte des monetären Immermehr
ein für alle Mal zu entledigen.“
Vielleicht reicht aber schon das lockern der
Krawatte? Der Ausflug in die Einsiedelei hat auch bei mir Spuren
hinterlassen. Kaum war ich zurück im Büro, entdeckte ich das Ergebnis enger
Naturverbundenheit in Gestalt einer dicken, rotbäuchigen Zecke, die sich in
meiner linken Kniekehle festgebissen hatte. „Wie friedlich könnt das Leben
sein, wär’ man gerade jetzt allein“, lese ich dazu in der
„Schäferkarren-Philosophie“.
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Der Spickzettel
Hans
Anthon Wagner hat alle Orte im Radius von 20 km um seinen Schäferkarren
portraitiert
von Helge Bendl
Über 1.000 Miniaturgrafiken hat Hans Anthon
Wagner in mehr als 20 Jahren gezeichnet. Der Breitenholzer Künstler, der
Ansichten aus ganz Deutschland in seinem Atelier zeigt, hat sich die letzten
zwei Jahre ganz auf die Region konzentriert. Nun ist das Projekt vollendet:
Alle Orte, die weniger als 20 Kilometer von seinem Schäferkarren entfernt liegen,
sind nun per Lithografie dokumentiert.

Hans Anthon
Wagner, Künstler-Selbstportrait
Während Wagner in einem alten Karren am
Schönbuchrand lebt, entstehen viele der Miniaturgrafiken in seinem Atelier im
Dorf. Die erste Ansicht der Ortschaft am Schönbuchrand fertigte er 1974.
Stück für Stück, Grafik für Grafik dehnte er sein Einzugsgebiet aus und nahm
auch für Auftragsarbeiten außerhalb Baden-Württembergs den Stift in die Hand.
Selbst einen Leuchtturm bei Cuxhaven an der Nordsee kann man in seiner Sammlung
entdecken. Doch die letzten zwei Jahre blieben ausschließlich der Region vorbehalten.
„Inzwischen habe ich jede Gemeinde und jeden Teilort
im Umkreis von 20 Kilometern abgebildet“, sagt der Künstler nicht ohne Stolz.
Bei der Suche und Auswahl der Motive lässt sich der Breitenholzer Zeichner
Zeit. Mit dem Fahrrad erkundet er Winkel und Ecken von Dörfern und Städten,
bis er die beste Ansicht und den besten Blickwinkel herausgefunden hat. „Man
findet überall etwas Schönes und muss einen besonderen Blick für die
Einzelheiten entwickeln.“ Anschließend wird das Ensemble aus Gebäuden und
Landschaft von allen Seiten skizziert und mit bis zu 40 Bildern mit dem
Fotoapparat abgelichtet, damit kein Detail verloren geht. Bis zu einem halben
Jahr kann vergehen, bis Hans Anthon Wagner dann in seinem Atelier eine dicke
Platte Kalkschiefer hervorholt und seine Miniaturgrafik mit speziellem Stift
auf das Gestein zeichnet. Knifflig ist dabei das kleine Bildformat von
viereinhalb auf viereinhalb Zentimetern. Jede Linie muss stimmen, bevor die Lithografien
geätzt und dann in die alte Druckpresse wandern. Das Wechselspiel von Licht
und Schatten bringt Tiefe in die Bilder, in denen Ortskundige viele Details
entdecken können. „Wer mit der Lupe die Bilder betrachtet, kann auch die
Schrift selbst auf manchen kleinen Hinweisschildern noch lesen“, kommentiert
er.
Störende Verkehrszeichen und der Straßenverkehr
werden dagegen meist ausgeblendet, obwohl Wagner Wert darauf legt, keine
Phantasiebilder zu fertigen. „Im Grund genommen ist es eine besondere Form
der Dokumentation. Denn viele Ortskerne haben sich stark verändert, viele werden
heute neu gestaltet. Da halte ich es für wichtig, den aktuellen Zustand festzuhalten.“
Ähnlich wie bei Matthäus Merian, dem barocken Kupferstecher, der im
süddeutschen Raum fast alle wichtigen Städte gezeichnet hat, ist ein wenig
künstlerische Freiheit indes erlaubt. Wenn zum Beispiel Merian die
Herrenberger Stiftskirche über der Stadt im Bild einst größer darstellte als
in der Realität, so fügt Hans Anthon Wagner den Hängen der Burg Hohenzollern
noch ein paar Bäume hinzu oder rekonstruiert nach Rücksprache mit Historikern
die Burg Müneck bei Breitenholz, von der heute nicht einmal mehr die Mauern
erhalten geblieben sind.
200 Lithografien fertigt Wagner mit seiner Handdruckpresse
von jedem Bildmotiv. Bis auf ein Exemplar, das im Atelier verbleibt, sollen
alle einen Liebhaber finden. Bei über 1.000 verschiedenen Ansichten fällt den
Freunden dieser Kunstrichtung die Auswahl inzwischen schwer, „Leute mit einem
besonderen Bezug zu einer Ortschaft machen den Großteil der Käufer aus“,
erzählt der Breitenholzer Künstler. Doch es gibt auch Sammler, die jede
Grafik von Wagner haben wollen. Nachdrucke gibt es keine: Nach den 205
Abzügen wird die Platte abgeschliffen. Zum Unikat wird die Miniatur aber
erst, wenn die Ortsansicht im letzten Arbeitsschritt vor dem Einrahmen noch
von Hand koloriert wird.

Gültstein bei
Herrenberg, Miniatur-
grafik von Hans
Anthon Wagner
Der mit dem Zirkel auf der Landkarte gezogene
20-Kilometer-Kreis ist abgearbeitet, von Heslach bei Stuttgart bis Wenden bei
Ebhausen sind selbst die kleinsten Siedlungen schwarz auf weiß abgebildet.
Doch Hans Anthon Wagner kann’s nicht lassen: Die Orte und Sehenswürdigkeiten,
die in einem Umkreis von 30 Kilometern liegen und noch in seiner Sammlung
fehlen, hat der Breitenholzer Künstler bereits aufgelistet und wird sich
vermutlich wieder an die Arbeit machen.
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Anthon Wagner -
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Philosoph im
Schäferkarren
Von Marianne Mösle
Aussteiger? Halb so schwer, wenn man Mut
dazu hat. Der Grafiker und Dichter Hans Anthon Wagner aus Breitenholz bei
Tübingen hat es auf schwäbische Art und Weise probiert.
Einen Feldweg, vorbei an Apfelbäumen und an sattgrünem
Winterdünger, radelt Hans Anthon Wagner bergan. Er fährt den Weg zwei Mal am
Tag, morgens hinunter nach Breitenholz bei Tübingen, abends hinauf zu seinem
Schäferkarren am Rande des Schönbuchs. Vor der letzten Anhöhe steigt der
Radler ab, s’ Rädle ins Gebüsch, dann schultert er den Rucksack mit
Wasserkanister, Rauchfleisch und einem Ranken Brot und zieht zu Fuß weiter.
Nach ein paar hundert Metern biegt Wagner scharf rechts ab, kaum erkennbar
ist der Trampelpfad. Unversehens das Plateau, ein alter Schäferkarren, ein
Ausblick - Hans Anthons Zuhause.

Hans Anthon Wagners
Schäferkarren am
Schönbuchrand Foto: inh
„In diesem Karren wohnt der Hans Anthon“, seinen
Nachnamen hat er bei den Leuten im Dorf gelassen, den braucht er hier oben
nicht, wo er mit der Natur alleine ist und seine Gedichte und Geschichten
schreibt: „Er hat studiert gelernt, geschuftet. Mit knapp sechs Jahren fing
er an. Nun ist er fünfzig und verduftet, weil er noch immer gar nichts kann.“
Von seinem literarischen Ich spricht er, meint wohl, dass er mehrere hat.
Denn in der Tiefe seines Herzens ist er auch handfester Schwabe. Pünktlich,
ordentlich, betriebsam und rechtschaffen. Aber einer, den manchmal die
Sehnsucht nach Einsamkeit packt, der ausgestiegen ist, ohne seine bürgerliche
Existenz völlig aufzugeben. Die lebt er unten im Ort. In Breitenholz hat der
Mann sein Atelier und den Männerchor. Im Dorf arbeitet er. Im Männerchor
knüpft er Verbindungen. Abends wird er zum Außenseiter und Eremiten und zieht
dort hin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Zum Zwiegespräch mit den
Bäumen, zum Denken, Lesen, Dichten und Zeichnen.
Grafiker hat der in Kirchentellinsfurt geborene
Wagner gelernt und war auch etliche Jahre im Beruf mit einem Betrieb und
einer Hand voll Mitarbeiter. Nur für eigene Zeichnungen fehlte ihm die Zeit.
Ständig sei er auf Achse gewesen, dauernd am Organisieren. „Das war mir zu
wenig, ich wollte wieder etwas Kreatives machen.“ Er gab den größten Teil
seiner Firma ab, behielt noch wenige Kunden, für die er manchmal grafische
Arbeiten erledigt. Früher, gleich nach seinem Studium, lebte er ein Jahr in
den USA. Hier war ihm klar geworden, wie verwurzelt er doch in seiner schwäbischen
Heimat ist. Vermisste er doch plötzlich den Tante-Emma-Laden seiner Kindheit,
die alten Bauernhöfe, die Schmiedewerkstatt. An die verschwundenen Eindrücke
dieser Jahre erinnerte er sich und begann Ortsansichten zu zeichnen, als Erinnerungsstütze
für die Zukunft. Über tausend Ansichten von historischen Winkeln hat er inzwischen
zu Papier gebracht. Und weil der Künstler auch von etwas leben muss, druckt
er jedes einzelne Blatt in einer Auflage von 200 Stück, für den Kunsthandel,
für Stadtverwaltungen und private Sammlungen. Den Betrieb hat er damals aufgegeben,
dafür eine Wiese mit Obstbäumen erworben. Irgendwann nistete sich die Idee mit
dem Schäferkarren in seinem Kopf ein. Auf der Alb wurde Wagner fündig: ein
Pferchwagen, Baujahr 1864. Wochenlang restaurierte er Bretterboden, Holzdecke
und Seitenwände, ersetzte verrostete Bleche durch neue. Dann wollte er drei
Monate lang seine Ruhe haben, vielleicht auch einen alten Jugendtraum leben.
„Alloi war für mi schon immer sehr angenehm“, sagt er. „Oifach nur denka und
gucka, was um mi rum passiert.“ Erdig kahl breiten sich die winterlichen
Ackerfurchen des Gäus aus. Im Norden ziehen sich die Pfähle der Weinberge
hoch. Im Süden, „wenn es klar ist, kann ich bis in die Vogesen sehen.“ „Ein
kleines Haus, so lang wie breit, mein Inbegriff der Seligkeit“, reimt Hans
Anthon. Zwei Meter auf eins achtzig bieten ihm das meiste, was er zum Leben
braucht. Eine Bettstatt, ein Tisch, eine Sitzbank, Regal, ein paar Haken für
den zweiten Kittel, für Kamm und Spiegel an der Wand. Durch zwei winzige
Fenster mit Herzlesvorhängen fällt ein Strahl Tageslicht, draußen im
Vogelhäuschen haust eine Siebenschläfer-Familie.
Aus einer geblümten Glaskaraffe kredenzt Wagner
30-jährigen Kirsch und meint: „In diesem engen Raum, wo ich allein bin,
ändert sich mein Gefühl.“ Da könne er sich ganz seinen Ideen widmen. Ob er
nicht manchmal einsam ist? „Nein“, sagt er. „Wenn man viel an sich selber
hat, braucht man nichts von außen.“ Kann man sogar noch etwas abgeben,
Gedichte zum Beispiel, die er hier verfasst, nachdenkliche oder spöttische
Verse oder einfache Lebensweisheiten. „Wenn du denkst du bist gescheiter, hör
nicht auf und denke weiter“, reimt er. Im vergangenen Jahr hat er ein Buch
mit dem Titel Schäferkarren-Philosophie herausgebracht. Arthur Schopenhauers
„Die Welt als Wille und Vorstellung“ liegt im Miniregal, ein Schlüsselwerk.
In seiner Einsiedelei hat sich Hans Anthon eine Welt nach eigener Vorstellung
zurechtgezimmert.
Gemeinsam mit einem Historiker begann Wagner vor
über zehn Jahren in den Dörfern nach traditionellen Ortsnecknamen zu suchen.
Namen, die in fast jedem Ort die typischen Eigenschaften seiner Bewohner aufs
Korn nehmen. Fünf Bände mit über 150 Geschichten von sparsamen und von gutmütigen,
von derben und von hinterhältigen, von aufmüpfigen und von duckmäuserischen
Schwaben liegen inzwischen vor. Auch Hans Anthon ist einer von ihnen. Bei
seinen Lesereisen treffe er immer wieder auf Menschen, die gerne aussteigen
würden. „Oft fehlt ihnen nur der Mut“, meint er. Sie legten sich die
Hindernisse selbst in den Weg, weil sie sich nicht vorstellen können, dass
auch Kerzelicht und Plumpsklo ihre Qualitäten haben. Apropos Toilette: Hier
hat Hans Anthon einen Handbesen liegen. damit kehrt er im Herbst das
angewehte Laub vom Klobänkle, bevor er sich setzt und reimt: „Eine Sitzung
auf dem Klo macht nur den so richtig froh, der, zur Abfuhr an Gewicht,
freudig liest noch ein Gedicht.“
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Dichterworte aus
dem Schäferkarren
von
Lotte Schnedler
Hans Anthon Wagner lebt in einem
winzigen Pferchkarren

Der
Zeichner und Schriftsteller Hans Anthon Wagner beim
Arbeiten
vor seiner Wohnung Foto:
Manfred Grohe
Ein
Kleinbauer vom Dorf verdiente sich tagsüber bei der Post in der Stadt etwas
dazu. Am Abend kletterte er zum Fenster seiner Geliebten und fand dabei einen
schaurigen Tod. Hans Anthon hat auch diese Geschichte in seinem Buch
„Schäferkarren-Philosophie“ aufgeschrieben und Illustriert.
Der Autor ist
studierter Grafiker. Tagsüber verdient er sich in seinem Atelier im Dorf
Breitenholz im Landkreis Tübingen die Brötchen. Ein erfolgreicher Mann, er
beschäftigte mehrere Mitarbeiter. Doch das kann’s nicht gewesen sein, sagte
sich der Schwabe vor über dreißig Jahren, verschenkte einen Großteil seiner
Firma - und verliebte sich auf der Alb in den 1864 erbauten Schäferkarren.
„Du kriegst ihn, wenn Du für ihn einen passenden Platz findest und ihn in
Ehren hältst“, sagte der Besitzer. Hans Anthon fand einen Platz am Naturpark
Schönbuch. Jetzt zeichnet er Miniaturgraphiken von Dörfern und Städten - von
A wie Affstätt bei Herrenberg bis Z wie Zittau/Oberlausitz. Schon über 1000
bis heute.
Häuser faszinieren ihn,
ihr Aussehen, die Farbe, die Wetterspuren, die Umgebung in der sie stehen:
„Häuser haben Charakter wie Menschen.“ Das hält er auch in zwölffarbigen
Lithographien fest, abgezogen auf einer schwarzen Druckpresse von 1892.
„Häuser sind auch nur Menschen“ heißt das Buch, in dem sie veröffentlicht
sind. Besucher in seinem Atelier, die seine Bilder sammeln, verfolgen
fasziniert die Arbeit an der alten Maschine.
Im Vogelkasten am
Apfelbaum überwinterte ein Siebenschläferpärchen. In der Regentonne sammelt
er das Nass, neben dem schmalen Spiegel hängt der Rasierpinsel. Das Plumpsklo
ist im Grün versteckt.
Als Hans Anthon nach
der Restaurierung des alten Schäferkarrens im Jahr 1974 ins 1,80 mal zwei
Meter kleine Geviert einzog, wollte er anfangs nur wissen, wie es sich drei
Herbstmonate lang im engen Raum lebt. Damals war es ihm ein Rätsel. Heute
schwingt er sich allabendlich nach Arbeitsschluss auf sein Fahrrad und
radelt den Berg hinauf.
An der Holzwand im
Schäferkarren hängt ein Blatt mit Schopenhauers Aphorismus: „Das Leben ist
nichts anderes als die Vorstellung davon, die im Kopf stattfindet.“ Und
unterm kurzen Vordach baumelt die Petroleumlampe. Wenn die Igel in der
Dämmerung durchs Gras huschen, blickt ihnen Hans Anthon nach. Links neben der
Tür notiert er mit Kreide auf einer kleinen Schiefertafel nicht zu
Vergessendes.
Das Wiesengrundstück, auf dem der Karren steht, misst
gut 20 Ar. Die kaum einen Meter dicke Bodenkruste ruht auf Kalk- und
Gipsgestein. Ein Kanonenofen schenkt mit Buchenscheiten im Winter Wärme.
„Wenn ich hier drinnen liege und der Regen aufs Dach prasselt ist das eine
Musik, bei der man wunderbar schlafen kann“.
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Anthon Wagner -
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In
2014, als der Naturpark Schönbuch zum Wald des Jahres ausgezeichnet wurde,
erinnerte sich die Stuttgarter Zeitung erneut an den dort lebenden Einsiedler
und widmete ihm die Titelgeschichte:

Das Glück im
Schäferkarren
Einfach leben
von Gabriel Holom

„Ein kleines Haus, so lang wie breit, mein Inbegriff
der Seligkeit.“ Der Schäferkarren, den Hans Anthon, der stolze Besitzer, so
liebevoll beschreibt, wurde 1864 gebaut und hat Generationen von Hirten als
Wetterschutz und Schlafplatz gedient. Seit über 20 Jahren wohnt der heute
55-jährige Aussteiger, ein Maler und Dichter, in diesem spartanischen Refugium.
Gezogen von einer Kuh, folgte der Karren seinem
Hirten und dessen Schafen durch die sommerlichen Weiden und wenn es kälter
wurde durch den Schwarzwald ins mildere Rheintal. Wegen seiner leichten
Bauart war der Pferchkarren recht wendig, und dank seiner geringen
Abmessungen fand sich auch im steilsten Gelände ein ebener Standort für ihn.
Dann musste der Schäfer nicht fürchten, dass sein Mostkrug umkippt oder er
selbst aus dem schmalen Bett rutscht.
Der Karren war längst ausgemustert, als Hans
Anthon ihn entdeckte. Der alte Schäfer war in Rente gegangen; der Junior
bevorzugte ein modernes Mobilhome. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt
der Einsiedler und seine Augen blitzen durch die Nickelbrille. Der
selbständige Grafiker und Künstler, häufig auf Motivsuche unterwegs durch seine
engere Heimat, stieß zufällig auf das Kleinod im Dornröschenschlaf.
Es fiel dem alten Schäfer nicht leicht, sich von
seinem Karren zu trennen, doch er knüpfte daran die Bedingung, dass sein
einst so treuer Begleiter eine standesgemäße Bleibe findet. Der Künstler
kaufte also eine steile Wiese, die hoch oben am Waldrand in eine kurze Ebene
mündete. Kurz darauf bezog dort der Karren den ihm zugedachten Platz. Ein
Traktor schleppte ihn über holprige Feldwege, Böschungen und Baumwiesen zu seinem
neuen Bestimmungsort.

Ächzend und knarrend überstand er diese Strapazen,
ohne auseinander zu fallen, obwohl er längst nicht mehr der Jüngste war. Vor
Hans Anthon lag eine arbeitsreiche Zeit: Wochenende für Wochenende begab er
sich mit Werkzeugkasten, Schrauben, Nägeln, Brettern, Wagenschmiere und
Farbe den Berg hoch und verarztete das historische Stück.
Monatelang ersetzte er morsche und verrostete
Bauteile, strich geduldig die blecherne Außenhaut, die das Dach und die
Seitenteile umhüllt. Es folgten die ersten Probeübernachtungen, auch bei
ungemütlichen Außentemperaturen, denn der Karren sollte ja auf seine Winterfestigkeit
getestet werden. Der winzige eiserne Ofen leistete gute Dienste, und das Holz
musste nur im nahen Wald aufgelesen werden.
Gleich hinter dem Karren legte der Eremit sich
ein kleines Gärtchen an, zog Gemüse und Kräuter und pflanzte einen Apfelbaum
vor die Karrentür. Um den Speisezettel zu bereichern hielt er sich zwei
Hühner, die ihm das tägliche Frühstücksei garantierten.
Seine Designagentur übergab der Grafiker nach und
nach an die bisherigen Mitarbeiter; nur noch eine Handvoll Kunden betreute
er weiter. Und eines Tages war der Schäferkarren zum ständigen Domizil geworden.
Hier zeichnete und malte Hans, der Glückliche, nur noch das, was ihm selbst
gefiel. Außerdem begann er Gedichte und philosophische Weisheiten
aufzuschreiben.
Über 20 Jahre ist das her. Inzwischen verwehren
dichtes Gebüsch und Obstbäume ungebetenen Gästen Einblick und Zugang. Nur
Wenige kennen den Standort des Karrens, den der Eremit auch weiterhin geheim
halten will, um Ruhe und Frieden in seinem „abgelegenen Stückchen
Freiheit“, wie er es nennt, zu erhalten. Ruhe gibt inzwischen auch die
Naturschutzbehörde, die anfangs viele Fragen stellte. Offenbar hat man
erkannt, dass das historische Relikt im Originalzustand eine Bereicherung
für das Naturschutzgebiet darstellt.
Inzwischen hat
Hans Anthon die Brettertür des Karrens aufgesperrt und beschließt: „Jetzt
trinken wir ein Gläschen!“ Er kredenzt ein 30-jähriges Kirschwässerle, das
rund und weich ist und die Seele mild stimmt. Während er einen Korb Brennholz
aus seinem überdachten Holzlager holt, umrunde ich neugierig das Gefährt.
Alle nötigen Utensilien sind geschützt unter dem Karren nahe bei den Rädern
untergebracht: eine Sense, der Wassereimer nebst Schöpfkelle, eine Regenwassertonne,
die im Boden eingelassen ist und durch einen Überlauf aus der schmalen
Dachrinne befüllt wird. Ein großes Schneidebrett sowie eine kurze Wäscheleine
mit einem Paar roter Wollsocken runden das Stillleben ab.

Das Feuer knistert und knackt gemütlich in dem
kleinen Ofen, auf dem eine Handvoll Bratäpfel in einer Pfanne brutzeln. Im Schein
der flackernden Kerze, deren Licht ein schwenkbar angebrachter Spiegel lenkt,
sehe ich mich um: Eine schmale Bettstatt unter blau kariertem Bezug, ein
roher Tisch und die kurze Bank, auf der ich sitze, bilden das Mobiliar. An
der Tür hängt das Rasierzeug und ein Holzfach für den Seifenriegel, über dem
Ofen ein kleines Sortiment Kochgeschirr und eine blecherne Teekanne. Die
Stirnwand über dem Tisch ist übersäht mit all den nützlichen Dingen, die
stets griffbereit sein müssen: ein Teller, Besteck, eine Blechdose voller
Schreib- und Zeichenstifte, eine Schere. An einem Nagel hängt ein Netz voll
kleiner, roter Zwiebeln aus eigenem Anbau.

Hier bringt Hans Anthon seine Gedanken zu Papier.
In Prosa für ein Buchprojekt, das die Verwicklungen beschreibt, die schließlich
zu einem Grab geführt haben, das er bei seinen Wanderungen zufällig auf einer
Obstwiese entdeckt hat. In Reimen stellt er Betrachtungen über das Leben an.
Da kann er lange an einem Vierzeiler feilen, wie er auf einem ovalen
Metallschildchen an seinen Karren geschraubt ist:
Der alte Karren stellt die
Frage
an mich als junges Menschenkind:
Ob ich auf meine alten
Tage
ein ebensolches Plätzchen
find?
Ohne die profane Ablenkung durch Fernsehen und
Telefon kann er hier oben, in relativer Abgeschiedenheit seinen Gedanken
freien Lauf lassen, um sie dann schließlich festzuhalten.
In seiner Einsiedelei langweilt er sich nicht,
denn: „Ein Mensch, der sich selbst genügt, kann gut allein sein.“ Wenn er
beim Sinnieren in eine Sackgasse gerät, geht er hinaus ins Freie, lässt den
Blick über die Landschaft schweifen und tankt Weite - für seine Gedanken.
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Auch der letzte Eremit
macht so einiges mit
von Helmut Eisenbach
Früher gab es am Dorfende ein Häuschen, da
wohnte nur einer, ein Sonderling. Heute ist der medidative Rückzug wohl
überlegt. Hans Anthon Wagner erhielt seinen Pferchkarren schon Ende der 70er
Jahre. Er ist ihm mittlerweile zur zweiten Heimat geworden. Davon berichtete
er auch schon Wieland Backes im „Nachtcafé“.
Tagsüber arbeitet der Schriftsteller, Dichter,
Zeichner und Verleger Hans Anthon Wagner in seinem Atelier in Breitenholz.
Abends, so gegen fünf oder sechs Uhr, schiebt er sein Fahrrad bergauf zum
Schönbuchtrauf. Dort, im Abseits, steht sein Schäferkarren (Baujahr 1864),
seit er ihn Ende der 70er Jahre von einem Schäfer in Münsingen übereignet
bekam. „Grundsätzlich bin ich jeden Tag hier oben, seit mindestens 25 Jahren.
Es gibt keinen Strom, kein Wasser, kein Radio, kein TV und kein Handy.
Trinkwasser ist der mitgebrachte Sprudel, der Rest (zum Waschen und Rasieren)
das gesammelte Regenwasser in Eimern, aufgehängt am Karrendach. Im Winter
kommt gelegentlich Kirschwasser dazu.
Wagner ist von Hause aus Werbegrafiker. Bekannt
geworden ist er durch seine Miniaturgraphiken von Häusern und durch seinen
„Breitenholzer Igelverlag“, in dem neben 19 Büchern auch fünf Bände mit
Ortsnecknamen erschienen sind. Natürlich auch seine eigenen Produktionen wie
die „Schäferkarren-Philosophie“.
Seine Logis hat eine Grundfläche von knapp vier
Quadratmetern und ist 1,80 Meter hoch. Schon als Student hat er hier gelebt,
klassische „Schäferstündchen“ eingeschlossen. Der Blick ins Gäu darf „sagenhaft“
genannt werden. Hier sinniert und philosophiert Wagner.
„Der Platz hilft mir, zu mir selber zu kommen“,
erklärt Wagner. „Man sieht die Dinge anders und vieles wird nicht mehr so
wichtig. Es ist eine Quelle der Inspiration.“ Falls jemand zu Besuch kommt
und er nicht da ist, hängt ein Briefkasten und eine Schiefertafel vor der
Tür. Ein Verehrer hinterließ auch mal eine volle Weinflasche.
Ab und zu hat er ganz andere Gäste: Rehe, Siebenschläfer,
Hasen, Wildsäue, Blindschleichen und Füchse. Er selbst war kürzlich Gast bei
Wieland Backes. Titel der Sendung: „Einsam oder gemeinsam? Wie viel Bindung
braucht der Mensch?“ Ein wenig schon.
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Im Herbst 2014 hat Lorenzo Zimmer den
Künstler Hans Anthon Wagner besucht und seine Eindrücke im Schwäbischen
Tagblatt, der Heimatzeitung des Landkreises und der Universitätsstadt Tübingen,
zu Papier gebracht:
„Einer, der die Natur liebt“

Der Himmel brennt -
Unikat-Miniaturen der Region
Von Robert Eisenbach
Vielen ist der
Breitenholzer Künstler Hans Anthon Wagner längst ein Begriff. Er ist Grafiker,
Poet, Schriftsteller und Verleger. Gut 1300 Ortsansichten im Kleinformat hat
er in den letzten 30 Jahren gezeichnet. Jede Motiv-Auflage vom Zeppelinmuseum
am Bodensee bis zum Ipf bei Bopfingen, von der Schauenburg beim badischen
Oberkirch bis zum Esslinger Marktplatz mit Burg wurden auf 200 Abzüge
limitiert.

Als
schwimme der Tübinger Salzstadel auf Lava
Um Tübingen herum gibt es
im Umkreis von 20 Kilometern keinen Ort, den Wagner nicht aufgesucht und
porträtiert hätte. Auch das Grafikarchiv der Württembergischen
Landesbibliothek sicherte sich mehrere Hundert Motive des Künstlers für
seinen Bestand. Noch sind viele der Ansichten zu haben, doch neue wird es
nicht mehr geben. Denn Wagner steht an einem Wendepunkt seines künstlerischen
Schaffens.
Das Zeichnen und
Lithographieren der kleinen Ortsansichten hat er nun abgeschlossen. Jetzt
will sich der Künstler „auf farbliche Veredelungen konzentrieren – meine
Unikat-Miniaturen im Format 45 mal 45 Millimeter“. Einige dieser Ansichten von Tübingen, der Wurmlinger Kapelle,
von Ammerbuch-Entringen und Dachtel bei Aidlingen stellte er im Rahmen der
Jahresausstellung der Künstlervereinigung Ammerbuch Anfang Desember aus.
Es scheint, als schwämme der Tübinger Salzstadel auf glühender Lava
und über Giebel und Schlossturm brenne der Himmel. Wagner malt in seinem
Atelier in der Breitenholzer Forsthausstraße in leuchtenden, aber matten
opaken Farben. „Farben“, so der Künstler, „entstehen erst im Kopf des
Betrachters, nicht auf meiner Palette“.

Hans Anthon Wagner und seine
Schäferkarren-Philosophie
Ganz draußen
von Nicole Carina Fritz
Mehr Natur geht kaum: Seit vielen Jahren wohnt der
Maler, Lithograph und Einsiedler-Poet Hans Anthon Wagner in einem
restaurierten Schäferkarren am Waldrand im Schönbuch. “Wenn das Wetter gut
ist, verlege ich mein Wohnzimmer auf die große Wiese, wo mein Karren steht”,
schmunzelt der Einsiedler. Von dort kann er an guten Tagen bis zu den Vogesen
sehen. Fließend warmes Wasser gibt es nicht in seiner schlichten Behausung
und fürs Alltägliche sammelt er Regenwasser. Sammeln muss er auch das Holz
für den Ofen – Das einzige, was Hans Anthon Wagner etwas unangenehm findet.

Der Maler,
Lithograph und Poet Hans Anthon Wagner vor
seinem
Schäferkarren Foto: inh
Improvisation ist also angesagt. Seine Leselampe zum
Beispiel ist selbst gemacht: Mit einem Fahrradspiegel reflektiert er
Kerzenlicht genau dahin, wo er es brauchen kann. Geduscht wird im Atelier,
das er im Dorf gemietet hat. Dort trifft der Philosoph Kunden und andere
Leute, falls ihm nach Gesellschaft zumute ist. “Am Anfang war es ein bisschen
beängstigend, so ganz allein am Wald, aber nach etwa sechs Wochen ging es bereits
richtig gut”, erinnert sich Hans Anthon Wagner. Auf Musik und Fernsehen
verzichtet er nur zu gerne, stattdessen schreibt er Gedichte und malt.

Was ihm in seiner Einsiedelei so durch den Kopf geht,
hat Hans Anthon Wagner in seinem Buch “Schäferkarren-Philosophie”
aufgeschrieben. Viele sind fasziniert von seiner Art zu leben: Bei seinen
Lesungen erfährt er von vielfältigen Aussteigerträumen. “Die meisten haben
allerdings Angst vor dem letzten Schritt”, weiß Wagner, der sich selbst
schrittweise an das Leben im Schäferkarren gewöhnt hat.
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Schäferkarren-Romantik
von
Julia Küster
Irgendwo am
Rande des Schönbuchs steht ein alter Schäferkarren (Baujahr 1868). Seit nun
mehr als 30 Jahren ist der alte Karren Heim und Haus des Grafikers Hans
Anthon Wagner.
Der Bauer hatte die Nase voll von seiner Wiese beim Naturpark
Schönbuch. Um die Siebzig geht einem die schwere Tätigkeit am steilen Hang
auf die Knochen. Hans Anthon Wagner war nicht halb so alt und traute sich die
Mäharbeit am Berg zu. Außerdem trug er die Verantwortung für das Wohlergehen
von fünf Stallhasen. Diese liebten Heu mit duftenden Kräutern, und das gedieh
in der Höhe besser als unten auf den feuchten Talwiesen. Zudem hatte ihm ein
alter Schäfer seinen Pferchkarren versprochen, falls er dem Gefährt einen
standesgemäßen Stellplatz bieten könne. Man trennt sich schwer von alten
Dingen mit dem Stallgeruch der eigenen Vorfahren. Vielen Schäfergenerationen
war das blechbeschlagene Kleinod verlässlicher Begleiter als Wetterschutz und
Schlafplatz, als Betkapelle, Liebesnest und Zufluchtsort, als Pferchbüro und
manchmal auch als stiller Zuhörer und Sorgenteiler. Doch mit dem alten setzte
sich auch der letzte Schäfer der Familie zur Ruhe, und so sollte der
angegraute Schäferkarren in verständige Hände wechseln. Wagner kaufte die
Wiese und bot sie dem Karren zum Altersruhesitz an.

In idyllischer Einsamkeit: Der Eremit am Rande des Schönbuchs
Foto: jck
1973 bezog der
Schäferkarren seine Wiese. Der Traktor eines befreundeten Landwirts zog ihn
über holprige Feldwege dort hin. Zum Glück fiel er während der Fahrt nicht
auseinander. 1864 gezimmert, war er schließlich auch nicht mehr der Jüngste.
An den Wochenenden begab sich Hans Anthon Wagner mit Werkzeugkasten,
Schrauben, Nägeln, Brettern, Wagenschmiere und Farbe hinaus und verarztete
das historische Stück. Morsche und verrostete Teile wurden ersetzt oder
repariert, Krummes geradegebogen und Dreckverkrustetes stahlgebürstet,
monatelang. Er erarbeitete sich den Besitz an diesem Gefährt und merkte spät,
dass in Wahrheit der Karren Besitz von ihm ergriff. Dagegen war kein Kraut
gewachsen, und die Folgen wirken bis heute.
Der alte Pferchkarren
wurde zur Eremitenklause des Hans Anthon, fern aller zivilisatorischen
Errungenschaften. Bald war er mit den Tieren auf Du und Du. Wagner begann
Gedichte zu schreiben, zeichnete und malte, was ihm gefiel, ohne auch nur
einen Gedanken an die Verkäuflichkeit der Dinge zu verschwenden.
Über vieles Andere
sinniert er, wenn er in munterer Gesellschaft, zu der auch ein Huhn zählt,
ein Hügel Waldameisen, eine Siebenschläferfamilie, ein Uhupärchen, ein
Hase und manches andere Getier, in der lauen Abenddämmerung vor seinem Karren
sitzend, die Gedanken kreisen lässt und genüsslich ein Tässchen Minze
schlürft.
An der Vorderwand,
gleich neben der einfachen Brettertür seines Schäferkarrens ist seit Jahren
ein kleines Metallschild angeschraubt. Darauf kann man lesen: Der alte Karren
stellt die Frage an mich als junges Menschenkind: Ob ich auf meine alten Tage
ein ebensolches Plätzchen find?
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dpa - Deutsche Pesseagentur
Hans
Anthon Wagner, Künstler:
Ein Schäferkarren als
Inbegriff von Seligkeit
Von Erhard
Böttcher/dpa
Fast 1300 Ortsansichten im Kleinformat hat der
Grafiker Hans Anthon Wagner bis jetzt gezeichnet. Auch die Landesbibliothek
hat bereits Motive des Künstlers erworben. Der 61-Jährige lebt tagsüber in
seinem Domizil in Ammerbuch, nachts in einem alten Schäferkarren.

Idyll am Waldrand: Hans Anthon Wagner sitzt vor
seinem Schäferkarren und arbeitet an einer neuen
Miniaturgrafik. FOTO: dpa
Das mögen sich viele Menschen wünschen: als Künstler
in einer Werkstatt im Dorf zu arbeiten und parallel ein Idyll in der nahen
Natur zu genießen. Miniaturgrafiker Hans Anthon Wagner hat diesen Traum schon
vor 30 Jahren verwirklicht. Die Tage verbringt er im Domizil in
Ammerbuch-Breitenholz bei Tübingen, die Nächte in seinem Schäferkarren am
Waldrand des Schönbuchs – mit wunderschönem Ausblick ins Gäu: 'Ein kleines
Haus, so lang wie breit, mein Inbegriff von Seligkeit.' Der 61-Jährige steht
jetzt an einem Wendepunkt seiner Karriere: 1292 Ortsansichten sind fertig,
nun will er sich auf farbliche Veredelungen konzentrieren.
Das Landleben ließ Wagner seit der Kindheit nicht
mehr los. Nach der Geburt in Kirchentellinsfurt zog die Familie nach
Hailfingen bei Rottenburg am Neckar. Dort betrieb die Mutter einen
Tante-Emma-Laden, und der Bub unternahm eifrig Streifzüge in seiner Heimat.
Nach seinen Lehr- und Wanderjahren öffneten sich die Augen des Grafikers für
den raschen Wandel vertrauter Ortsansichten. 'Also spitzte ich den
Zeichenstift und nahm mir vor, meine heimatliche Umgebung wenigstens bildlich
in die Zukunft hinüberzuretten.' Wagner startete ausgedehnte Radtouren mit
Skizzenblock und Kamera. Er experimentierte mit Farbqualitäten, Papiersorten,
lithographischer Drucktechnik und dem kniffligen Bildformat von 4,5 mal 4,5
Zentimeter.
Jede Motivauflage vom Leuchtturm Alte Liebe bei
Cuxhaven bis zum Zeppelinmuseum am Bodensee, von Umgebindehäusern
(regionaltypischen Blockhäusern) der Oberlausitz bis zum Stettener
Schlösschen bei Lörrach wurde auf 200 Abzüge limitiert. Falls Wagner eine
Grafik nicht optimal gelang, tröstete er sich: 'Hast du ein Stück verhunzt,
ist es zum Glück noch Kunst.' Doch er weckte immerhin das Interesse der
Landesbibliothek an einigen hundert Motiven; sie kaufte sie oder gab Optionen
ab.
Wagners 1864 gebauter Schäferkarren hat Generationen
von Hirten auf ihren Wanderungen als Wetterschutz und Schlafplatz gedient.
Als Wagner den ausgemusterten Karren entdeckte, war es 'Liebe auf den ersten
Blick'. Der alte Schäfer trennte sich von seinem Karren, der Künstler kaufte
eine Wiese am Waldrand, wohin ein Traktor das Unikat schleppte.
Gebüsch, Obstbäume und ein
Gärtchen umgeben den Schäferkarren von drei Seiten. Offen ist nur der
südliche Ausblick ins Gäu. Das Einsiedlerdasein langweile ihn nie, betont der
61-Jährige. 'Ein Mensch, der sich selbst genügt, kann gut allein sein.' Tiere
der Umgebung stören ihn nicht – im Gegenteil: 'Ich spreche mit den Ameisen. Es ist
ein angenehmes Gefühl, wenn man Anderen beim Schaffen zugucken kann.'
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Text aus SONNTAG AKTUELL

Leben im Schäferkarren
von Daniel Stahl
Hans Anthon Wagner ist eigentlich ein ganz normaler Mensch. Er lebt
davon, dass er kleine Bilder von alten Häusern malt und Gedichte schreibt.
Nur seine Wohnung ist anders.

Klein aber fein: Hans Anthon Wagner lebt auf diesen
vier
Quadratmetern auf Rädern. Abends reichen ihm Kerzen
zum Lesen. „Ich hab hier jeden Abend
Weihnachtsstimmung“,
sagt der Mann im Schäferkarren. Foto: Molino
Was gibt es
Schöneres, als bei Minus-Temperaturen in ein warmes Zuhause zurückzukehren.
Hans Anthon Wagner dreht den Schlüssel im Türschloss, zieht den Kopf ein und
betritt seine Wohnung. Draußen hat der Winter zum ersten Mal das Wasser in
den Eimern gefrieren lassen, Dach und Wiese sind mit Schnee überzogen. Die
Hände sind kalt. Drinnen ist es noch angenehm warm. Im kleinen Ofen rechts
neben der Tür glimmt ein Stück Holz, gerade genug, um den Schäferkarren vor
dem Auskühlen zu bewahren.
Hans Anthon
Wagner zieht die Türe zu, angelt aus einem kleinen Fach in der Wand zwei
Aststücke, öffnet die quietschende gusseiserne Ofentür und gibt der Glut neue
Nahrung. Nach wenigen Minuten hört man die Holzscheite knacken, schnell tauen
auch die Hände wieder auf. Die Luft im Karren ist trotzdem frisch. Der Karren
ist eben etwas undicht. Der 64-jährige Schäferkarren-Besitzer setzt sich auf
sein Bett, für den Besuch bleibt die Bank gegenüber. Würde Wagner seine Arme
nach rechts und links ausstrecken, könnte er beide Wände berühren. Platzangst
darf man hier nicht haben.
Der Kessel auf
dem Ofen dampft schon, an den beiden kleinen Fenstern und an der niedrigen roten
Decke schlagen sich Tropfen nieder. Der Tee ist fertig. Jetzt ist Wagner
bereit zu erzählen. Warum er seit über 30 Jahren in einem Schäferkarren lebt.
Auf vier Quadratmetern. Ohne Strom und Wasser. Die Geschichte beginnt, als
Wagner nach dem Studium von Kalifornien zurück in seine Heimat kommt. Bald
leitet er ein Designstudio. Gleichzeitig bereist er die Umgebung, um die alten
Orte für die Nachwelt in Zeichnungen festzuhalten.
Auf einer seiner
Touren mit dem Fahrrad skizzierte er seine heutige Wohnung, den historischen
Schäferkarren, Baujahr 1864. Wagner sollte den Karren haben, sofern er dem
Gefährt einen standesgemäßen Standort bieten könne, so der alte Besitzer. So
kaufte Wagner sich eine Wiese am Rand des Schönbuchs.
Hans Anthon
Wagner hat aus der Schäfer-Behausung seinen festen Wohnsitz gemacht. „Aus einer
Laune heraus habe ich im Spätherbst mal im Karren übernachtet“, erzählt er.
Das war 1974. „Hier konnte ich einfach so für mich sein.“ Das gefiel ihm.
Bald darauf entschied er sich, in den Karren umzuziehen. „Ich wollte das
halt“, sagt er und lacht zufrieden. Eine andere Erklärung bekommt man nicht.
Zumindest keine, die das Bedürfnis nach rationalen Gründen zufrieden stellen
kann. Vielleicht, weil es tatsächlich keine andere Antwort gibt. Hans Anthon
Wagner wollte das halt so. Wie andere sich ein Haus bauen, entschied sich
Hans Anthon Wagner dafür, in den Schäferkarren einzuziehen.
Familie, Eltern,
Geschwister waren „nicht gerade begeistert“ von der Idee. Doch sie haben sich
damit angefreundet. Wagner übergab seine Grafikagentur seinen Mitarbeitern
und konzentrierte sich auf seine Ortsansichten und Gedichte, die er vor allem
in und vor seinem Schäferkarren verfasst. „Anfangs war ich hier auch von Langeweile
geplagt“, erinnert er sich. Doch der Schäferkarren-Bewohner kommt gut mit
sich selbst klar. „Hier kann ich auch mal einen Gedanken zu Ende denken.“ Und
er hat ein Brettspiel entwickelt, das er mit sich selbst spielen kann, ohne
zu wissen, wer gewinnt – er oder er.
Doch mit
Robinson Crusoe oder dem Alm-Öhi hat das Leben von Hans Anthon Wagner wenig
zu tun. Er fühlt sich nicht ständig als Einsiedler. „Ich treffe ja immer noch
Leute.“ Auch Aussteiger sei falsch, weil er sich nicht ganz von der Gesellschaft
ausschließt. Wer ihn auf der Straße trifft, sieht einen höflichen aufmerksamen
Mann mit grauen Haaren und einer Weste aus Schaffell. Hans Anthon Wagner ist
einfach ein Mann, der lieber in einem Schäferkarren auf einer Wiese wohnt.
Sein
Wohngrundstück hält Wagner geheim, nur wenige kennen den Weg. Der
Schäferkarren steht irgendwo am Waldrand am südlichen Hang des Schönbuchs und
so gut versteckt, dass kaum jemand zufällig vorbei kommt. Manche Wanderer
finden die Klause doch. Dann schreiben sie auf die raue grau gestrichene
Karrenwand, von der an einigen Stellen schon die Farbe abblättert, kleine
Nachrichten: „Das ist ein Leben, wie ich es mir wünsche“. Irgendwo steht
auch: „Kann ich hier einziehen?“ „Leider nein. Schon besetzt“, hat der Bewohner
darunter vermerkt. Doch wenn Hans Anthon Wagner zu Hause ist, lädt er Wanderer
gerne auf ein Schwätzchen vor seinem Karren ein, von wo man die ganze Gegend
überblickt. Ein Gast war so fasziniert, dass er den Schäferkarren beim
Denkmalamt als Kleindenkmal gemeldet hat.
Tatsächlich ist
der Karren eine Mischung aus Denkmal und Museum. Hier erlebt jeder Besucher,
wie wenig Raum einem Menschen zum Leben reichen kann. Viele Leute haben
Betten, die so groß sind wie der ganze Schäferkarren. Das Leben ist überschaubar
hier draußen am Waldrand. Über dem schmalen Bett auf einem Brettchen hat Wagner
einige Bücher, daneben liegen Bleistifte für Notizen und Skizzen. Über dem
Tisch an der hinteren Karrenwand lagern in zwei Regalfächern Brot, Käse und
selbst gemachte Marmelade. Neben dem Essensregal hängen Kleiderbügel. Kein
Platz ist verschwendet. Das Esszimmer ist das Wohnzimmer, das Wohnzimmer ist
auch das Schlafzimmer. Nur das Bad ist draußen.
Hans Anthon
Wagner öffnet die Karrentür, tritt einen Schritt von seiner Wohnung auf die
Erde herunter. So kann er bequem in den Spiegel sehen, der an der geöffneten
Türe hängt. Im Bad ist es heute recht kalt. Die Katzenwäsche fällt aus, das
Wasser, das Wagner von seinem Dach sammelt, ist eingefroren. Zum Zähneputzen
reicht eine Hand voll Schnee. Das stille Örtchen hat sich Wagner weit hinter
seinem Karren im Gebüsch gebaut.
Nach dem
Aufstehen geht Hans Anthon Wagner in sein Künstleratelier. Auf einem
Trampelpfad läuft er nach Breitenholz. Auf der gefrorenen Erde knirscht der
Schnee unter seinen Sohlen, während er sich unterwegs unter Ästen duckt, die
fast sein Gesicht streifen. In Breitenholz hat er sich ein Atelier samt
Werkstatt eingerichtet, seinen Arbeitsplatz, den er jeden Wochentag einnimmt.
„Ich glaube, diese Disziplin ist notwendig. Sonst kriegst du nichts
zustande.“ Rund 1300 Ortsminiaturen hat Wagner gezeichnet – Häuser- und
Dorfansichten aus der gesamten Umgebung. Jedes einzelne der 1300 Bilder hat
er spiegelverkehrt auf eine Kalkschieferplatte übertragen und damit 200
Abzüge gedruckt. Nach über 30 Jahren mit den Ortsminiaturen hat es ihm dann gereicht.
„Ich war mit Ernst dabei und hab das auch gerne gemacht, doch jetzt muss mal
wieder mehr Humor in meine Arbeit.“
Heute zeichnet
er witzige kleine Bildideen, die er mit Sprüchen versieht. Zeichnen ist sein
Broterwerb. Zwar ist das Leben am Waldrand nicht teuer. Aber auch ein
selbstständiger Einsiedler bezahlt Steuern, hat Portokosten, braucht Arbeitsmaterial.
Etwas Geld spart Wagner auch für das Alter, falls er irgendwann aus seinem
Karren ausziehen muss.
Am Abend macht sich Hans Anthon Wagner auf den Heimweg.
Eine Dusche gibt es im Atelier, auch einen Schrank, aber keine Matratze.
„Manchmal habe ich abends keine Lust mehr, noch den weiten Weg den Berg hoch
zu laufen“, sagt er. „Doch am nächsten Morgen bin ich wieder glücklich, dort
oben aufzuwachen.“
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Hans Anthon Wagners erste Zeichnung seines
Schäferkarrens kann man seit 1976 alle zwei Jahre auf
dem Plakat zum Wildberger
Schäferlauf (Klick?) ent-
decken. Der Künstler hat es im Auftrag des damaligen
Bürgermeisters, Eberhard Seewald, entworfen.
SÜDWEST
PRESSE
Im
Schönbuch lebt Hans Anthon Wagner
seit
36 Jahren in einem alten Schäferkarren
Niemals
Ärger
mit den Nachbarn
Von Birgit Vey/epd
Er hat das Zuhause der ausgefallenen Art:
In einem alten Schäferkarren im Naturpark Schönbuch lebt der Künstler Hans
Anthon Wagner.
Mitten im Schönbuch, von Bäumen eingerahmt, liegt
das gerade mal 1,80 Meter breite Mini-Heim. Besucher müssen einen Berg
hinaufkraxeln, wenn sie zu Hans Anthon Wagner wollen. Zwischen Kirsch-,
Zwetschgen- und Nussbäumenfinden sie ihn. Im Sommer sitzt er gerne draußen auf seiner alten Holzbank,
umgeben von Wildblumen, und genießt den Blick über das Tal.
Hinter ihm steht sein ganzer Stolz: ein Schäferkarren
aus dem Jahr 1864. Dem Wagen sieht man sein Alter an: Schon etwas
abgeblättert ist die graue Farbe.
Auf Holzrädern steht er, und an einer Seitenwand ist ein Metallrohr, der
Rauchabzug für den Gussofen im Inneren. Eimer, die am Wagen befestigt sind, dienen dem
eigenen Wasserbedarf, andere stellt Wagner für die Waldtiere hin. Hasen und
Rehe zählen zu den häufigsten Gästen, auch Siebenschläfer tummeln sich in der
Nähe.
Als Toilette dient ein Plumpsklo, das hinter Gebüschen
versteckt ist. Regenwasser sammelt Wagner in einer Tonne, die im Boden
eingegraben ist. Dennoch schüttelt der 66-Jährige den Kopf, wenn man ihn
fragt, ob das nicht zu wenig Komfort sei. Das Leben mitten in der Natur und
die Einsamkeit seien das, was
er als Luxus empfinde. Seit 36 Jahren lebt Wagner nun auf diese ungewöhnliche
Weise. “Das hatte ich ursprünglich gar nicht vor”, erinnert er sich.

Himmlische Ruhe herrscht in
und um Hans Anthon Wagners
Domizil. Der Künstler hat
sich einen alten Schäferwagen zur
Wohnung erkoren.
Foto: epd
Bei der Suche nach Motiven – er zeichnet gerne Altstadtansichten
– war Wagner fündig geworden: Auf einem Bauernhof sah er den Schäferkarren.
Wenn er einen angemessen Platz für den Karren finde, könne man über eine
Übernahme sprechen, sagte der Besitzer. Als Wagner einen geeigneten Platz
fand, bekam er den Karren sogar geschenkt. Die Wiese wurde gekauft und der
Karren per Schlepper auf den Berg
gezogen.
Doch die erste Nacht im selbst restaurierten Zuhause
war alles andere als toll. “Zu wissen, dass die nächste menschliche Siedlung
mehrere Kilometer weit entfernt lag, war unangenehm”, meint Wagner. Zeit
brauchte er auch, um sich daran zu gewöhnen, keine Gesprächspartner zu haben.
“Ich probiere mal aus, ob ich das aushalte”, entschied sich Wagner, der mittlerweile
findet: „Das ist mein idealer Wohnsitz.” So kann er sich heute gar nicht mehr
vorstellen, in einer gängigen Mietswohnung zu leben. Der Verkehr und die
Rücksichtnahme auf Nachbarn wären ihm zu anstrengend.
Besuch ist selten. Meist verbringt Wagner die Zeit
alleine im zwei Meter langenWagen.“ Mit meinen 1,82 Metern Körpergröße ist er genau richtig“,
schmunzelt er. Im Schäferkarren stehen ein kleiner Tisch, eine Sitzbank und
ein paar Regale. Strom fehlt. Wer hier wohnt, der kommt ohne Kühlschrank,
Fernseher, Waschmaschine und Radio aus.
Ganz von der Zivilisation hat sich Wagner aber
nicht verabschiedet. Für seine künstlerischen Arbeiten nutzt er ein Atelier
im nahe gelegenen Dorf Breiteholz. Dort besuchen ihn auch seine Freunde.
Trotzdem kehrt er gerne in sein menschenleeres Reich zurück.
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Anthon Wagner -
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Jenny Becker hat den
Künstler und Einsiedler
besucht und
schildert im TAGESSPIEGEL BERLIN
ihre
Eindrücke:

Hans
Anthon Wagner zeigt 400 Werke seiner Ausstellung
– er selbst wohnt im Schäferkarren
Storchen-Schindler
und Froschabschlecker
Breitenholz: Modern und freundlich erstrahlt
der frisch renovierte Museumsraum, in dem Grafiker Hans Anthon Wagner seine
Arbeiten präsentiert. Von über 2 000 Werken im Fundus erwarten den Besucher
etwa 400.
Mit hellem Parkettboden und
ebensolcher Holzdecke ausgekleidet ist der Raum, in dem Halogenleuchten für
strahlendes, aber kein grelles Licht sorgen. Gepflegt wirkt er und enthält
wenige Möbel, nur ein roter, mit Löchern im Sitz ausgestatteter alter Schleppersessel
fällt auf, der an einen Fliegenpilz erinnert. Stilvoll und mit humorigem
Charme hat Wagner sein Museum eingerichtet, bei dem zwei Räume zu einem
verschmolzen. “Ich wollte eine größere Ausstellungsfläche haben”, so der
Grund. Wobei der 1,82 Meter große Mensch kleine Formate schätzt: Neun
mal neun Zentimeter klein, das entspricht etwa einer halben Handfläche, sind
beispielsweise die Ortsansichten in Schwarz-Weiß. Von Affstätt, über
Herrenberg und Nagold, bis Zell am Hammerbach, spannt sich der Motivbogen des
65-Jährigen. Ein Teil dieser 1 300 kleinsten Heimatbilder, in denen er
“ältere Ortskerne” zeigt, wie etwa Fachwerkhäuser, Kirchen und enge
Pflastergassen, hängen an einer Wand. Und dabei arbeitet der Mann mit Druck.
In der Lithografietechnik, dem Stein- oder Flachdruck, sind sie gemacht. Von
jedem dieser Ansichten fertigte er 200 Exemplare, das heißt sein Bestand
umfasst 260 000 Blätter, und das war auch mit der Anlass sich für die Miniformate
zu entscheiden. “Das Zeug muss man ja stapeln. Bei größeren Bildern hätte ich
ein Haus kaufen müssen, aber so bekomme ich alles in zwei Schränken unter.“
30 Jahre mit schweren Steinen
Diese Lithografien führten 2006 auch
zur Museumsgründung. Denn nach 30 Jahren Arbeit mit den schweren
Lithosteinen, entschloss sich Wagner aufzuhören. Sind schließlich 199 Blätter
pro Ansicht verkauft, verbleibt das letzte Exemplar im Museum Anthon. Die
Drucksteine hat der Grafiker an einem jungen Künstler verschenkt, der sich
für diese Technik interessierte. “Neue Steine bekommt man heute nicht mehr.
Deshalb ist mir leicht gefallen, meine Steine an einen jungen Kollegen
weiterzugeben, damit er arbeiten kann.”

Der Humor spielt eine wichtige Rolle in den
Motiven von Hans Anthon Wagner
Auch die Bildkonturen seiner farbigen
Miniaturen sind gedruckt. In der Technik des Linolschnitts, also im
Hochdruck, wobei Wagner Zinkplatten benutzt. Anschließend werden die Werke
mit dem Pinsel koloriert. Es sind Unikate. Auch diese Blätter haben ein
kleines Format, aber sie bieten ein breiteres Motivspektrum: etwa Tiere,
Blumen, Häuserfronten und Berufsgruppen. “Ich möchte, dass die Leute erkennen,
was auf den Bildern zu sehen ist”, umschreibt der studierte Grafiker, warum
er sich für die gegenständliche statt für die abstrakte Kunst entschied.
“Auch sollen die Bilder eine Aussage haben.” Den Blick richtet Wagner dabei
auf seine sechsteilige Serie “Gorgosnoff”, der Name einer gelben Maus. Zu ihr
gesellen sich im Laufe der Serie andere gelbe Gesellen, die unter einer Farbdusche
landen, wodurch alle mit roten Fellen übertüncht sind, - bis auf Gorgosnoff.
“Er ist nicht einfach der Masse gefolgt, sondern ging seinen eigenen Weg. Er
hat durchgeblickt”, fasst Wagner die Botschaft zusammen. Manche dieser
Arbeiten sind zudem als Geschenke beliebt, weil der Künstler auch
individuelle Schriftzüge einbaut. So interessierten sich Eltern für das Motiv
eines Wanderers, weil ihr Sohn eine Werbeagentur eröffnete. “Einen Rucksack
voller neuer Ideen”, sollte Wagner als Glückwunsch ins Bild schreiben.
“Humor”, sagt Wagner, ist ihm bei den
Motiven wichtig. Das spiegelt sich auch in den Illustrationen über die
Spitznamen der Orte. “Storchenschindler” neckt man etwa die Entringer,
“Pflasterstein-Scheißer” die Herrenberg und “Froschabschlecker” die Breitenholzer.
Auch reimt er in seinem Buch Schäferkarren-Philosophie: “Eine Sitzung
auf dem Klo/ macht erst den so richtig froh,/ der, zur Abfuhr an Gewicht,/
freudig liest noch ein Gedicht.” In seinen Bildern macht Wagner das
Unmögliche möglich, etwa indem Fenster Tränen in den Augen haben. Auch spielt
er gerne mit Zweideutigkeiten. ”Hausordnung” nennt er die Reihe an
großformatigen, stilisierten Häuserfronten, wobei die erste Arbeit den
Untertitel “Paragraph eins”, die zweite Paragraph zwei und so weiter trägt.
Die strenge Reglementierung in manchen Wohnsiedlungen nimmt er damit aufs
Korn.
"Ganz gut”,
betont Wagner, kann er von seiner Kunst leben, und viele Gäste, darunter
Gruppen, Firmen und Vereine, interessieren sich für die Bilder. Im Untergeschoss
eines Familienhauses ist das Museum untergebracht. Er selbst bevorzugt einen
Schäferkarren am Rande des Schönbuchs. Holzräder hat der Wagen und ein großes
Ofenrohr. Drinnen gibt es einen Gussofen, der bei kalten Temperaturen mit
Holz und Briketts geheizt wird. Ein einziger Raum reicht hier dem Künstler.
Wohn-, Schlaf- und Arbeitsstätte in einem. Natürlich mit Toilette. Doch die
ist abseits im Gebüsch versteckt. - gti -
Eine neue Kulturserie des Gäubote rückt renommierte
Kunstschaffende in den Fokus
und portraitierte
am 19. September 2015 den
Breitenholzer Künstler
Hans Anthon Wagner.
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Der Grafiker Hans Anthon
Wagner lebt seit 36 Jahren in einem Schäferkarren mitten im Schönbuch und gut
versteckt.
Auf
zwei Metern
stromlos
glücklich
Breitenholz (gti).
»Heiliges Blechle«, diese Worte haben bei Hans Anthon Wagner eine neue Bedeutung.
Denn mit Blech beschlagen ist sein alter Schäferkarren, in dem er seit vielen
Jahren lebt. Mitten im Schönbuch liegt dieses Mini-Heim: Es ist gerade mal
1,80 Meter breit.
Wagner wohnt versteckt. So müssen Besucher erst
einen Berg hinaufkraxeln. Dann gilt es, den Mann zwischen Kirsch-,
Zwetschgen- und Nussbäumen zu entdecken. Und wenn man den Karrenbesitzer
findet, dann im Sommer oft auf seiner alten Holzbank im Freien sitzend.
Umgeben von Wildblumen und Bäumen genießt er den Blick ins Tal. Hinter ihm
steht sein ganzer Stolz: ein original Schäferkarren von 1864. »Den habe ich
selbst restauriert«, berichtet Wagner. Die Holzräder, auf denen der Wagen
steht, hat er erneuert. Auch das Metallrohr wurde gereinigt, das als Kamin
für den Gussofen im Inneren dient.
Seit 36 Jahren wohnt Wagner auf diese ausgefallene
Weise. »Das hatte ich ursprünglich gar nicht vor«, erinnert er sich. Doch bei
seiner Motivsuche – der Künstler zeichnet unter anderem Altstadtansichten –
wurde er fündig. Auf einem Bauernhof sah er den Schäferkarren. »Dem Besitzer
musste ich versprechen, den richtigen Ort für den Karren zu finden«, erzählt
Wagner. Eine Wiese im Schönbuch gefiel ihm. Mit ihr war auch der Wagenbesitzer,
ein alter Schäfer, einverstanden – er verschenkte den Karren. Und Wagner
organisierte einen Schlepper, der das Gefährt auf den Berg bugsierte.

Arbeitsplatz und
Wohnung zugleich:
Auf der Deichsel
seines Schäferkarrens
sitzt der Grafiker
zeichnend. Im nächsten
Ort hat er jedoch
noch ein Atelier. Fotos: gti
Wie jeder Hausbewohner hat Wagner sein Heim
ausgeschmückt. Allerdings sind dessen Wohnaccessoires zwei Eimer. Die hängen
am Wagendach. »Damit sammle ich für den eigenen Wasserbedarf und für den
meiner Gäste«, erklärt der 66-Jährige. Womit er die Waldtiere meint, Hasen
und Rehe. Für seine zweibeinigen Besucher hält er etwas anderes bereit: Am Eingang
des Karrens hängt eine alte Schultafel mit Kreide. »Mancher Wanderer hat
darauf schon ein paar Worte hinterlassen«, berichtet Wagner. Doch menschlicher
Besuch ist selten, meist verbringt der ältere Herr die Zeit alleine.
Sein Wagen ist sein kleines Refugium – und zwei Meter
lang. »Mit meinen 1,82 Metern Körpergröße ist der Karren deshalb genau
richtig«, findet Wagner. Dennoch muss er den Kopf einziehen, um in den Schäferkarren
zu klettern. Im Innern steht ein Bett. Eng ist es dort. Nur eine halbe
Armlänge von der Schlafgelegenheit entfernt befinden sich Tisch und Sitzbank.
Strom gibt es nicht. »Ich brauche diesen ganzen Kram nicht«, betont der
Grafiker. Er kommt ohne Kühlschrank, Fernseher und Waschmaschine aus. Selbst
dass der Ofen lediglich eine Herdplatte hat, macht ihm nichts aus. »Ich habe
sowieso kein Talent zum Kochen«, winkt Wagner ab. So nutzt er den Herd meist
zum Zubereiten von Tee oder Kaffee. Als Toilette dient ein Plumpsklo, das
hinter Gebüsch versteckt ist.
Aber fehlt ihm nicht doch manches? Ein warmes
Essen? Saubere Kleidung? »Das bekomme ich im Dorf. Dort kann ich waschen und
essen«, meint Wagner. Für ihn bedeute das Schäferkarren-Leben keinen
Verzicht. Im Gegenteil: »Das Leben mitten in der Natur und die Einsamkeit«,
das empfindet er als Luxus. Deshalb liebt der 66-Jährige Karren und Wald.

Allein in der
Natur fühlt sich der Künstler
Hans Anthon Wagner
am wohlsten
Doch die pure Romantik ist nur langsam gewachsen.
Anfangs war die Idylle ein Trug. Denn die erste Zeit im grünen Zuhause
gestaltete sich anders als erwartet. So kam Wagner anfangs mit den
Tiergeräuschen nicht zurecht. »Dieses Heulen und laute Scharren kannte ich
nicht«, sagt er. »Auch war es mir unangenehm, zu wissen, dass die nächste
menschliche Siedlung Kilometer weit entfernt liegt.« Diese Distanz habe zudem
den Nachteil, dass es keine Gesprächspartner gebe. Dennoch entschied sich
Wagner: »Ich probiere mal aus, ob ich das aushalte.« Mittlerweile kann er es
sich gar nicht mehr vorstellen, in einer gängigen Mietwohnung zu leben. »Der
Verkehr und die Rücksichtnahme auf Nachbarn wären mir viel zu anstrengend.«
Mehr Platz als im Karren ist, braucht der
Künstler allerdings für seine Arbeiten. Schließlich sind es 260 000 Drucke,
die er alle von Hand gefertigt hat. Die meisten sind handflächenklein. Für
sie hat der Grafiker ein Atelier im nahe gelegenen Dorf Breitenholz (Kreis
Tübingen). Hell und freundlich ist dieser große Raum. Und leicht zu
erreichen, so dass Freunde und Interessierte zu Besuch kommen können um die
ausgestellten gut 400 Bilder zu betrachten. Trotzdem kehrt Wagner immer gern
in sein menschenleeres Refugium zurück. Denn: »Wenn ich mehr als zehn Leute
um mich herum habe, fühle ich mich nicht wohl.«
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Aus dem Buch von Ebba Hagenberg-Miliu:
Allein ist auch genug / Wie moderne Eremiten leben
Über den Einsiedler Hans
Anthon von der Schwäbischen Alb
Schauen wir noch einmal ins
Schwabenland in den Schäferkarren von Anthon Wagner. Tja, sagt der, er werde,
wenn er sich in der Öffentlichkeit blicken lasse, natürlich gerne gefragt,
wie sein Rezept zum Glücklichsein denn nun praktisch aussehe. Könne das
wirklich Segen bringen: ein Leben ohne fließend Wasser, ohne Strom, ohne
Telefon, ohne Fernseher, ohne Radio oder Handy? Er sei sich selbst vormals
ein Problem gewesen, „kein ernstes, eher ein Fragezeichen“, sagt der heute
67-Jährige über die Zeit, als er sich noch nicht auf seine einsame Wiese, die
nur fußläufig zu erreichen ist, zurückgezogen hatte. „Heute fühle ich mich
fast als Ausrufezeichen“, kommt hinterher. Und dann folgt noch eine typische,
halb schalkhafte Ergänzung: Der Satz, hinter dem das Ausrufezeichen stehe,
sei aber auch ihm noch ein Rätsel. „Vielleicht kommen Sie darauf?“ Möglicherweise
sehe ja derjenige, der ihn nach dem Glücksrezept frage, nach einem Blick in
den Karren nicht nur in seine, des Einsiedlers, Seele, sondern vor allem in
die eigene?

Und dann kommt die Geschichte von
„Hans im Glück. Der Philosoph und sein Schäferkarren“. Auf keinen Fall an die
große Glocke wolle er hängen, wo sein Einsiedlerdomizil auf zwei Rädern denn
nun genau stehe. Der Karren und der Hans im Glück, die sollen nicht zu finden
sein. Das „kleine Haus, so lang wie breit, mein Inbegriff der Seligkeit“,
dieses alte Gefährt auf zwei holzgespeichten Rädern, steht also auf einer
struppigen Wiese genau dort, „wo nadelbewehrte Fichtenäste, knorrige Buchen
und wilde Hecken den Waldrand verriegeln wie die trutzige Mauer einer Ritterburg“.
Hier, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, steht Wagners Burg, hier lässt
es sich seit Jahrzehnten also fern aller zivilisatorischen Annehmlichkeiten
unter dem einsam in den Himmel ragenden Ofenrohr froh sein. Wie das? Beim
Einsiedler aus dem Schwabenland klappt das wohl. Denn seine Devise heißt ja,
dass der Mensch nur allein den Frieden finde, „denn dort, wo zwei sind, sind
sie auch verschieden.“
Schauen wir also einmal in den Karren
hinein. Das Leben auf zwei Meter mal einen Meter achtzig bedürfe natürlich
unbedingt einer durchdachten Organisation, schreibt Anthon Wagner launig in
seinem Buch „Schäferkarren-Philosophie“. Denn wenn der Schäfer anno dazumal
hier auf engstem Raum monatelang sogar mit Hund und gelegentlich noch mit
einem von der Mutter verstoßenen Lämmlein zurecht kam, könne der moderne
Mensch nicht automatisch behaupten: „Des schaff i au mit links“. Mit links
sei das keineswegs zu bewerkstelligen. Da muss jeder Griff sitzen. da hat
jeder Zentimeter des Lebensraumes seine ureigene Bestimmung. Des Meisters
Kleidung hängt also gleich über dem blaukariert bezogenen Bett, daneben steht
ein schmiedeeiserner Ofen, darüber öffnen sich zwei Fensterchen - jedes Eckchen
im Karren ist intelligent genutzt. Das Wasser zum Rasieren stammt aus dem vom
Karrendach gesammelten Regennass. Und es stellt kein Problem dar, wenn unter
dem Fußabstreicher draußen im Laufe der Zeit schon einige Kleintiere Unterschlupf
gefunden haben. „Wir Wildnisbewohner sind aufeinander angewiesen: Einer hilft
dem andern“, kommentiert das der Einsiedler freundlich. Hier draußen auf der
struppigen Wiese lärmen nicht Autos, nicht Handys, nicht elektrische Laubbläser,
sondern die Vögel, die Mäuse und die Grillen. Und Hans im Glück lässt der
Fantasie, der Erinnerung und dem „Mut, über die eigene enge Welt fast
grenzenlos hinauszudenken“ freien Lauf. Denn wie im Märchen ein Kuss den
Frosch zum Prinzen mache, so bedürfe es beim Menschen doch nur eines erkennenden
Blickes: Und sogar die Gesichter aus längst vergangenen Zeiten würden im
alten blinden Schäferspiegel wieder lebendig, meint der Einsiedler beim
Rasieren. Man möchte hinzufügen: wenn man es nur will, wenn man es zulässt
wie Anthon Wagner, der Künstler und, wie die Leute sagen, „der Lebenskünstler“.
Ja, in der Einsamkeit, wo jeder nur
auf sich selbst zurückgewiesen sei, da zeige sich, was man an sich selbst
habe, meint Wagner in seinem „abgelegenen Stückchen Freiheit“. Wenn er tags
auf holprigen Feldwegen zu seinem Atelier am Ortsrand radelt und dort seine
Malkunst mit Freude betreibt, ist der ehemalige Chef einer Designagentur
danach schnell wieder reif für seinen paradiesischen Karren. Auch wenn auf
dem Rückweg leider immer der undankbare Spruch gelte: „Wer sein Fahrrad
liebt, der schiebt.“ Er braucht auf jeden Fall unbedingt seine Ruhe, seine
stillen Selbstgespräche wie die Luft zum Atmen. „Jeden Tag Tischgenossen, das
wollt ich nicht“, seufzt er. Die Kunst zu leben sei die Kunst zu lassen und
nach dem Geben nicht mehr nachzufassen, betont der Mann, der dieses
eremitische Leben schon seit Jahrzehnten liebt - und darüber so gerne Reime
schmiedet. Der Eremit verzichtet also bewusst auf vieles. Er gibt den
anderen. Wie etwa Wagner jeden, der mit ihm über Gott und die Welt
philosophieren will, auf der grünen Wiese begrüßt. Die Kunst zu leben beginnt
für den Einsiedler aber auch da, wo er nach dem Geben nicht mehr nachfasst.
Auf der struppigen Wiese herrscht kein „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, sondern
das Prinzip der Menschenliebe. Er fühle sich gut, auch wenn die anderen
durchs Leben sausten. Dann liege er im Gras und kühle sich die Stirn, dichtet
der Dichter. Er ersehne kein „Ja“ und kein „Nein“. „Sich zurückzulehnen und
im Geist zu tollen“, das sei den Tag wert. „Einsam lachen, Freundschaft nur
zu träumen. Beim Gedanken machen nicht den Clou versäumen“, diese „Kunst zu
leben“ rate er denen, die ihn nach dem Rezept fragten.
Seine Sehnsucht nach Geborgenheit auf
begrenztem Raum in einer engen, dunklen, nur von spärlichem Kerzenlicht
erleuchteten Kiste habe übrigens wohl mit seinen ersten Lebensmonaten 1945 zu
tun, denkt Anthon Wagner. Psychologen hätten bei ihm schon Vermutungen
angestellt, dass er als Kleinkind am Ende des Zweiten Weltkriegs „das Knallen
der Panzergranaten und den beißenden Geruch von brennenden Häusern“ im Luftschutzkeller
nicht ausstehen konnte. Im Schäferkarren ist der Hans im Glück heute auf jeden
Fall sicher vor Granaten jeglicher Art. Hier sei sein Zuhause, in diesem
alten Karren, zu dem sich nur ab und zu Wanderer verirren, so Wagner. Wer tagtäglich
mit einer großen Limousine durch die Weltgeschichte chauffiere, der werde
deshalb noch nicht richtig satt, behauptet der Einsiedler. Im Gegenteil: „Man
spürt in seiner Seele die Narbe.“ Nur wer den Zauber freier Räume in seine
Träume übertragen könne, sei mit seinem Glück im Lot. „Dort, wo die Quelle
aus der Erde fließt, fühlt man den immer neuen Lebenskeim“, schwört Anthon Wagner
auf das für Menschen wie ihn beste Rezept: die Verbundenheit mit der Natur,
mit dem Elementaren. Und er fährt in seinen Reimen fort: „Wo sich die Sonne
einen bunten Regenbogen gießt und in dem Buch der Blüten eine Seite liest,
ist man daheim.“
Das Buch der Blüten dieses
Einsiedlers, ob es auch andere entziffern können, die ebenfalls die Sehnsucht
nach einer anderen Lebensform spüren? Ach ja, Anthon Wagner wäre ja nicht
Anthon Wagner, wenn er aus diesem Paradies nicht auch noch eine seiner Anekdoten
berichten würde: Vor einiger Zeit, da sei er doch wirklich mal für ein paar
Tage aus seinem Schäferkarren ausgezogen. Wie das? Das habe einen ganz besonderen
Grund gehabt: Zwei über beide Ohren verliebte Zwanzigjährige hätten unbedingt
einmal für kurze Zeit einziehen wollen, „um hautnah zu erleben, was es mit
dem legendären Schäferstündchen auf sich habe“, berichtet der Einsiedler. Was
könne es also Schöneres auch für einen alten Schäferkarren geben, als der
Liebe Unterschlupf zu gewähren, habe er sich gedacht und sei über ein Wochenende
verschwunden. Des einen Freud sei eben des anderen Leid. Doch am folgenden
Montag habe er dann wieder in seinen geliebten Karren zurückziehen „und meine
eigenen produktiven Schäferstündchen genießen“ können. Seine Gedanken würden
nämlich alle in diesem Karren gezeugt und geboren, seine Worte hier zu Reimen
geschnitzt. „Man könnte sie folgerichtig als Schäferstündchen der
fleischlosen Art bezeichnen.“ Jetzt lacht der Einsiedler wieder. Die
Zufriedenheit habe halt viele Väter.

Redaktion Zukunft
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Reportage der
Hochschule der Medien Stuttgart
von Laura Köpf und Mareike Mössner

Foto: Mössner
Leben als Eremit
Einsam, entlegen, erfinderisch
„Eremiten sind Wüstenbewohner der
modernen Welt, die sich dazu entschlossen haben, ein Leben abseits des
Alltagstrubels zu führen“, sagt Ebba Hagenberg-Miliu. Der 71-jährige Hans
Anthon Wagner ist so ein Wüstenbewohner, er hat die Einsamkeit als Lebensform
gewählt. Seit 43 Jahren lebt er in einem Schäferkarren auf nur 3,6
Quadratmetern Wohnraum. Doch wie leben Eremiten heute, abseits des Alltagstrubels
und der Großraumbüros
Ein kühler Novembermorgen, es ist 7.30 Uhr.
Im Naturpark Schönbuch nahe Tübingen steht ein winzig kleiner Schäferkarren
etwas verlassen am Waldrand. Hans Anthon Wagner öffnet die Tür seiner
Behausung. Er macht Feuer, kocht Wasser und nimmt Platz in seinem
selbsternannten, 2100 Quadratmeter großen Freiluft-Wohnzimmer. Er ist die
Verkörperung des modernen Eremiten, allein lebend und sich selbst genügend.
Dem Hamsterrad entfliehen
„Eremiten sind der Wortbedeutung nach
Wüstenbewohner", so Ebba Hagenberg-Miliu, Journalistin und Buchautorin.
Sie porträtierte bisher 33 Eremiten, darunter auch Hans Anthon Wagner. Vom
Frieden und der Gelassenheit dieses bescheidenen Lebens, aber auch von den
negativen Seiten, berichtete sie. Eremiten leben einsam und ohne Beziehungen,
manche sogar enthaltsam. Darüber hinaus unterscheiden die Konzentration aufs
Wesentliche und ein ruhigerer Alltag ein eremitisches Leben von jenem eines
durchschnittlichen deutschen Bürgers. „Es betrifft auch unser Leben. Aus dem
Alltag herauskommen, dem Hamsterrad entfliehen und sein Leben entschleunigen,
das ist einfach ein faszinierender Gedanke", so die Journalistin.
Eremiten als Nachbarn
Unter den Eremiten, die sie fand, gibt es
religiös-motivierte Menschen, oft ehemalige Mönche und Nonnen. Für sie
bedeutet das Eremitendasein eine Annäherung an Gott. Es gibt aber unter ihnen
auch viele Menschen wie den Nachbarn drei Türen weiter. „Sie finden
eremitisches Leben heute im Hochhaus um die Ecke, im Zirkuswagen, in der Wohnung
nebenan. Vielleicht wissen Sie gar nichts davon, dass da ein Mensch ist, der
abgekapselt von allem leben will."
Hagenberg-Miliu bezeichnet diese Einsiedler
als „Feld-, Wald und Wiesen-Eremiten". Zu diesem Typ gehört auch Wagner,
den sie während ihrer Recherche kennengelernt hat. „Er ist ein Eremit der
philosophischen Art, der sehr auf die Natur bezogen ist". Das Bedürfnis
nach Alleinsein habe Wagner gespürt, seit er denken kann. Die Abwesenheit
anderer Menschen sei für ihn meist kein Mangel, sondern fördere ganz im
Gegenteil sein Wohlbefinden. Wagner war erst 29 Jahre alt, als er beschloss,
in einen Schäferkarren am Waldrand zu ziehen. Ein ungewöhnlich junges Alter
für den Neustart als Eremit. Erfinderisch und kreativ richtete er sich seine
neue Wohnung in der Natur ein.
„Reise ohne Rückfahrkarte"
„Eremit
sein ist eine Reise ohne Rückfahrkarte, eine Entscheidung fürs Leben. Man
wird nicht Eremit, um mal kurzzeitig den Kopf freizubekommen und irgendwann
wieder in den geregelten Alltag zurückzukommen." Wenn der Entschluss
gefasst ist, bringt er den Abbruch der bisherigen Lebensweise mit sich. Dazu
gehören das Loslassen aller sozialen Kontakte und natürlich auch der
Berufsausstieg. „Eremiten ticken ganz anders, sie sind nicht mit den Kommunikationsformen,
die wir pflegen, vertraut", so Hagenberg-Miliu. Eine wirkliche
Freundschaft zu den Eremiten, die sie getroffen hat, sei daher nie
entstanden.
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Ausschnitt aus dem
Deutschlandfunk-Beitrag
Allein mit ihm
Wie Eremiten heute leben
Von Isa Hoffinger
Rund 80 Einsiedler gibt es derzeit in Deutschland
– und das Interesse an dieser Lebens- und Existenzform wächst. Doch so manche
Neulinge, die sich auf den Weg in die Stille begeben, brechen schon nach
wenigen Wochen ab. Sie unterschätzen die Abgeschiedenheit.
... Die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu hat mit
verschiedenen Eremiten gesprochen. Sie hat auch Menschen im deutschsprachigen
Raum gefunden, die ohne Beziehung zur Religion asketisch leben, als
Aussteiger in der Natur. Bewegt hat die Autorin auch die Begegnung mit Hans
Anthon Wagner:
„Ich bin an einen
ganz wunderbaren Eremiten geraten, der auf der schwäbischen Alb, auf einer
schönen Wiese, in einem Schäferkarren sitzt und das seit über 30 Jahren. Das
ist ein ehemaliger Chef einer Designeragentur, der irgendwann aber mal
hingeschmissen hat und die Agentur seinen Angestellten übergeben hat, weil er
in diesem Hamsterrad des Lebens nicht weiter funktionieren wollte. Der malt
jetzt, der geht tagsüber ins Atelier in einer kleinen Örtlichkeit in einem
Dorf und dann in seiner Freizeit sofort wieder in seinen Schäferkarren. Das
heißt eineinhalb Meter mal zwei Meter im Quadrat, das ist seine Welt. Und der
Mann ist glücklich.“ ...
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Kunstfertiger Erfindungsreichtum,
gespickt mit Humor
von Klaus
Bauer
Wer Hans Anthon Wagner kennen lernt, spürt sofort:
Dieser Mensch ist authentisch und eigenständig. Was ihm in den Sinn kommt,
wird an der frischen Wald- und Wiesenluft oder in der Rückzugszone seines
Schäferkarrens bewegt, gewogen und bei bestandener Prüfung realisiert.

Hans Anthon
Wagner mit noch handbetriebenem
Handwerkszeug
in seinem Atelier
Der Künstler hat viele Neigungen. Sie reichen vom
Bildhaften bis zum Literarischen. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler des
Immateriellen: von Anekdoten, Lebenserfahrungen, Eingebungen und den kleinen,
freundlichen Momenten des Lebens. Man sieht seinen Bildern das Interesse an
ihren Sujets an. Sei es ein sehenswerter Winkel in seinen Ortsminiaturen, den
er mit seinem Klappfahrrad ausgekundschaftet hat, oder das ikonenhafte
Eichhörnchen, dem er alle Aufmerksamkeit widmet, um es in ein herzerfreuendes
Kunstwerk zu verwandeln.
Man könnte meinen, geradewegs "zum Possen"
spielt der Künstler der heutigen, ruhelosen Zeit, einen um den andern Streich.
Er vertieft sich in seine Arbeit, ob er nun gerade an einer Graphik, einem
Buch oder am Entwurf für ein Vogelhaus sitzt. Die Zeit darf getrost an ihm
vorbeiziehen. Es kümmert ihn nicht. Hauptsache, er kann morgens den Schlüssel
zur Ateliertür herumdrehen. Hier an seinem Arbeitsplatz ist seine Welt in
Ordnung. Die Sonne darf hereinscheinen, und aus der Feder fließt, was von den
Ideen des Vortages und den Träumen der Nacht in Erinnerung geblieben ist. Wie
Hans Anthon Wagner sein Leben sieht, lässt sich aus erster Quelle in seinem
Buch "Schäferkarren-Philosophie" nachlesen.
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Schäferkarren-Philosophie
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Der Tagesspiegel Berlin

Leben als Einsiedler
Allein auf weiter Flur
Von
Jenny Becker
Er ist 1,82 m groß und lebt auf 3,6 qm – seit 40 Jahren ist Hans
Anthon Wagner überzeugter Einsiedler. Sein Zuhause: ein Schäferkarren.

Hinter dem Pflaumenbaum links, dann
rechts am Walnussbaum vorbei, ein paar Schritte durch struppiges Gras, dann
steht er auf der Lichtung, die sein Wohnzimmer ist. Hans Anthon Wagner,
schwäbischer Einsiedler, setzt sich auf seine Bank an den kleinen Holztisch,
Schafgarbe streift seine Beine. Grüne Büsche als Wände, der Himmel als Decke.
Seit fast 40 Jahren wohnt er an einem
Hang in einem Schäferkarren, 3,6 Quadratmeter groß. Wie lebt jemand ohne
Strom, ohne Wasseranschluss, mit so wenig Platz? Seine Wohnung ist so weit
wie die Welt. Hans Anthon Wagner, 68, sitzt am Rand des schwäbischen
Naturparks Schönbuch, draußen vor seinem 150 Jahre alten Karren, einem
hölzernen Wagen mit Schornstein und zwei Rädern. Er blickt hinunter ins Tal,
über die braunen Felder und die bewaldeten Hügel. Das ist es, was sein Leben
hier ausmacht: Er sitzt und schaut.
Der Einsiedler sieht ein bisschen aus
wie Peter Lustig aus der Kindersendung „Löwenzahn“, schmal, hoch gewachsen,
eine Nickelbrille auf der Nase. Peter Lustig wohnte auch auf einer Wiese,
allerdings in einem quietschblauen Bauwagen, weil es im Fernsehen bunt
zugehen muss. Der Schäferkarren ist nur halb so groß, der graue Lack schält
sich ab wie alte Haut, und trotzdem ist er ein Sehnsuchtsort. „Darf ich hier
einziehen?“, hat ein Wanderer mit Bleistift neben die Eingangstür gekrakelt.
„Leider schon besetzt“, schrieb Hans Anthon Wagner darunter. Die Wände sind
voller Botschaften von zufälligen Besuchern.
„Einmal hat mich eine Rentnergruppe
gesucht, dort unten“, sagt er und deutet mit dem Arm durch die Büsche den
Hang hinunter, „wild entschlossen, mich zu finden“. Sie hatten im Dorf
gefragt, wo der Schäferkarren steht. Doch die Bewohner hatten geschwiegen.
Sie wissen, dass Hans Anthon lieber allein ist. Die Rentner fanden ihn nicht,
und wahrscheinlich hätten sie sowieso keine Antwort bekommen auf ihre Frage:
Wieso leben Sie so?
In dem Jahr, als er zum ersten Mal in
dem Karren übernachtete, war Deutschland gerade Fußballweltmeister geworden,
mit Uli Hoeneß auf dem Spielfeld. In Amerika trat Präsident Nixon wegen der
Watergate-Affäre zurück. Hans Anthon Wagner war Grafiker, 29, Chef einer
kleinen Werbeagentur. Mit dem Fahrrad fuhr er manchmal die Gegend ab, von
Tübingen bis zur Schwäbischen Alb, und zeichnete Häuser. Er fand es wichtig,
den Charme der Fachwerkhäuser für die Nachwelt festzuhalten.
Auf einem dieser Ausflüge entdeckte er
den Karren, ausrangiert im Hof eines alten Schäfers. Dessen Sohn zog längst
mit einem Wohnmobil von Weide zu Weide. Die engen Karren waren aus dem Alltag
verschwunden. Der alte Schäfer bemerkte das Interesse des Fremden, und als
sie beim Bier zusammensaßen, sagte er: „Du kannst ihn haben, wenn du ihn in
Ehren hältst und einen guten Platz findest.“ Das tat er. Er gab seine Wohnung
auf, verkaufte das Auto und schenkte seine Firma den Mitarbeitern.
Hans Anthon Wagner öffnet die Tür zu
seinem Karren, duckt sich und tritt ein. Würde er die Arme ausbreiten, er
könnte die hölzernen Wände berühren. Das Bett ist so lang wie das Zimmer,
zwei Meter, er kann sich gerade so darin ausstrecken mit seinen 1,82 Meter.
Es gibt einen Tisch, eine Sitzbank und einen gusseisernen Ofen. Im Winter
knacken darin Holzscheite und verbreiten Wärme. Wenn die Welt draußen friert,
wird seine Wohnung ganz klein. Er hockt dann auf der Bank, reibt sich die
Hände am Feuer und blättert in seinen Büchern.
Normalerweise sammelt er Regenwasser
in Eimern, um es zu trinken oder sich damit zu waschen. In der kalten
Jahreszeit greift er morgens in den Schnee und wischt sich damit über das
Gesicht. „Im Winter kann es drinnen schon etwas eng werden“, überlegt er. Ihm
fehlt dann sein Wohnzimmer, die Wiese. Umso deutlicher nimmt er jede Regung
des beginnenden Frühlings wahr.
„Wer so nah an der Natur wohnt, erlebt
den Frühling als langsam einziehenden Gesellen“, sagt Wagner. Da gibt es kein
plötzliches Aufblühen von Knospen und kein überraschendes Insektensummen. Nur
kleine Veränderungen, jeden Tag. In die schwarzen Äste des Pflaumenbaums
stehlen sich zarte weiße Blüten. Die Vögel beziehen nach und nach ihre Nester
in den fünf Kästen, die rund um den Karren in den Bäumen hängen.
Der Einsiedler hat genug Gesellschaft.
Es gibt piepsende Vogeljunge oder streunende Katzen. In diesem Jahr haben
sogar ein paar Dutzend Marienkäfer den Winter bei ihm verbracht. Geschützt in
einem alten Leinenrucksack, der draußen neben der Tür hing.
Hans Anthon Wagner kommt gebückt aus
seinem Karren, schlendert über die Wiese und setzt sich an den hölzernen
Tisch, von dem aus er das Tal überblickt. Er hat seine liebste Gesellschaft
aus dem Regal geholt: ein Buch des Philosophen Arthur Schopenhauer. Seine
Hände streichen über die Seiten. Schopenhauer schreibt: „Das Streben sehen
wir überall kämpfend, also immer als Leiden.“ Hans Anthon Wagner schreibt
auch, aber fröhlicher: „Der Deutsche mag den Apfel sehr, doch hat er ihn,
dann will er mehr.“
Als junger Grafikdesigner wollte er
probieren, wie es ist, sich von Dingen zu lösen und mit dem Nötigsten
auszukommen. Eine Herausforderung, ein Spiel. Schaffe ich das, einen Herbst
lang im Schäferkarren? „Erst war es reiner Ehrgeiz“, sagt der Einsiedler.
„Doch es wurde immer schöner.“ Für den jungen Anthon war jede Nacht im Karren
ein Nervenkitzel, er lag wach und lauschte den Geräuschen im Gebüsch. Der
alte Wagner lässt sich gern vom Knacken der Zweige in den Schlaf wiegen.
Es geht ihm nicht darum, sich auf die
Natur zu besinnen und sich von ihren Früchten zu ernähren. „Ich koche nicht
gern“, sagt er. Meist gibt es Käsebrot. Das Beet hinter dem Wagen ist verwildert.
Der Boden unter der dünnen Erdschicht besteht fast nur aus Kalkstein, da
wächst nichts. „Ich versorge mich beim Markt am Ortseingang.“
Ab und zu trinkt er Bier in der
Kneipe. Und an jedem Wochentag spaziert er ins Dorf, kommt abends zurück.
Eine Art Berufspendler. Seit fast 40 Jahren verdient er das Geld, das er
braucht, mit seiner Kunst. Er ist freiberuflicher Künstler, das Atelier
befindet sich im Haus von Verwandten. „Kunst im kleinen Bildformat“ steht auf
dem Schild. Er zeichnet Miniaturen. Was auch sonst? Zehn mal zehn Zentimeter
sind die Rahmen groß, winzig die Stadtansichten und Figuren, die sie bevölkern.
„Ich brauche nicht viel Platz“, sagt er, als beantworte das alle Fragen.
„Manchmal wollen die Menschen von mir
ein Rezept für das gute Leben.“ Der Einsiedler ist verwundert, denn er tut ja
nichts Besonderes, außer auf der Bank über dem Tal zu sitzen. „Die Leute
denken, ich meditiere, aber ich mache nichts. Ich schaue einfach in die
Landschaft.“ Auf Lesungen trägt er gelegentlich Gedichte aus seinem Buch vor,
der „Schäferkarren-Philosophie“. Hinterher kommen oft einige zu ihm, die auf
der Suche sind nach Ruhe oder anderen Dingen. „Die wollen am liebsten mit mir
tauschen.“ Nur, der Karren von Hans Anthon Wagner ist eben leider schon besetzt.
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Beim Wandern im Herbst des Jahres 2000 entdeckte der
Fotograf und Journalist Gabriel Holom Hans Anthons Schäferkarren. Die
Unterhaltung mit dem Einsiedler hatte einen Bericht in der Illustrierten Wochenzeitung (iwz) zur Folge (Klick auf iwz).

Einer,
der die Natur liebt
Hans
Anthon Wagner druckt Ortschaftsansichten aus der Umgebung
Von
Lorenzo Zimmer
Seit 40 Jahren
arbeitet der Künstler Hans Anthon Wagner in Breitenholz. Er verarbeitet
Eindrücke aus der Natur und aus umliegenden Gemeinden zu Miniaturen und
druckt sie auf Papier. In der näheren Umgebung hat er jede Ortschaft besucht
und abgebildet.

„Für
mich hat Kunst immer noch etwas mit handwerklichem
Können
zu tun.“ Hans Anthon Wagner in seinem Atelier in
Breitenholz.
Fotos: Zimmer
Künstler verarbeiten
meist Eindrücke aus ihrer Umgebung und Ihrem Alltag. So funktioniert das auch
bei Hans Anthon Wagner. Bei einem Gang durch sein kleines Museum in
Breitenholz wird eines klar: Hier schafft und wirkt ein Naturliebhaber. Am
Rande des Schönbuchs steht seit 40 Jahren sein Schäferkarren – hier trifft
man ihn oft, im Sommer wie im Winter.
Ein Holzofen spendet
ihm im Winter Wärme, ein eigener Apfelbaum versüßt ihm im Herbst die Tage.
Wagner lebt im Einklang mit sich und der Natur. Hier sammelt er Eindrücke,
Ideen und genießt die Ruhe, die er für seine Kunst braucht. Selten wird es
laut hier oben am Waldrand. Manchmal ein Flugzeug, doch „eines Nachts hat ein
Rehbock direkt neben meinem Wagen gebellt“, erzählt Wagner. Da sei ihm schon
der Schreck in die Glieder gefahren.
In seinem Atelier
unten im Dorf verarbeitet er seine Erlebnisse als Eremit: Er zeichnet Tiere,
Pflanzen, aber auch von Menschen Gemachtes, wie etwa Ortschaften, Fahrzeuge
und Gebäude. Er zeichnet das Bild mit einem harten Wachsstift auf eine
Steinplatte. Nach der Behandlung mit Säure druckt er die Abbildung auf Papier
und koloriert sie anschließend. Seine Lithographien entstehen komplett von
Hand. Ein Zeichentisch, eine Druckerpresse und einen Tisch mit Aquarellfarben,
mehr braucht er nicht. Die gleiche Drucktechnik wendet er für alle seine
Miniaturen an. Die Bilder sind nur 10 x 10 cm groß: „Viele Künstler meinen,
dass größer auch bedeutender ist“, sagt Wagner. Für ihn sei es genau
umgekehrt. „Es ist eine handwerkliche Herausforderung, etwas so Kleines
herzustellen und dennoch eine möglichst große Wirkung zu erzielen. Die Anfertigung
der Zeichnungen erfordert große Konzentration.“ Entsprechend sei dann auch
das Glücksgefühl, wenn ihm eine Miniatur besonders gut gelungen ist.
Vor 40 Jahren begann
er – damals noch in seiner eigenen Grafikagentur tätig – Ortschaften in der Umgebung
zu zeichnen. Auf Wanderungen fielen ihm besonders eindrucksvolle
Fachwerkhäuser und versteckte Winkel auf, die er in seinen Drucken für die
Nachwelt konservieren wollte. Zehn Jahre später, etwa um 1985, begann er
parallel mit der Anfertigung seiner Motiv-Miniaturen. Manche erinnern an den
typischen Stil einer Karikatur.

Motiv-Miniatur einer Miniaturgrafik des
Stadtfront Tübinger Stifts
In der Zwischenzeit
hat er alle Ortschaften in einem Radius von 20 Kilometern um seinen Schäferkarren
abgebildet. Und viele weit darüber hinaus. Neben seinem Atelier hat der
Künstler ein kleines Museum mit etwa 400 Exponaten eingerichtet und stellt
hier seine Kunstwerke aus. Über die Jahre sind über 200 000 Drucke
entstanden. Sie sind die eigentlichen Originale.
„In jeder Ortschaft
gibt es etwas Besonderes, etwas, das die Ortschaft ausmacht“, sagt Wagner.
Dafür entwickle man mit der Zeit einen Blick. Das könne die örtliche Kirche
oder ein schlichtes Bauernhaus sein. Dass man mal ein Straßenschild
ausblendet oder sich ein parkendes Fahrzeug wegdenkt, gehöre genauso zu
seiner Arbeit, wie das fantasievolle Kolorieren.
Die antike Presse, an
der Wagner seine Kunstwerke von Hand druckt, hat er in den 1970er-Jahren von
einer Buchdruckerei gekauft. Sie stammt aus Leipzig und ist über 100 Jahre
alt.
Wagner lässt sich
seine Kunst von der Umgebung diktieren – von künstlerischem Zwang lässt er
sich dabei nicht beeinflussen: „Kunst muss gefallen, muss Gefühl
rüberbringen“, sagt er. Von elitärem Künstlergehabe und Überinterpretationen
halte er nicht viel. Seine Abbildungen vermitteln Heimatgefühl und Naturverbundenheit.
Städte empfindet er oft überladen, bedrohlich und zugebaut. Ein echtes
Kontrastprogramm zu seinem Leben im Schäferwagen. „Immer einfach ist das
nicht, aber wenn ich morgens in meinem Wagen aufwache und in die Ferne
blicke, ist es mir das wert.“ An einem klaren Tag sieht man den Schwarzwald
und sogar die Spitzen einiger Berge in den Vogesen.
Wagner schreibt auch:
Gedichte, Erzählungen, Texte in seine Bilder. 1999 hat er eine Gedankensammlung
veröffentlicht: “Schäferkarren-Philosophie“, erschien in seinem eigenen
Verlag. Hier erzählt er von den Gedanken, die er in der Natur fasst. Von
seinem Leben fernab von städtischer Infrastruktur.
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Adresse: Hinter dem
Pflaumenbaum links
Von Jenny Becker
Ein Mann lebt seit 40 Jahren als Einsiedler.
Ist das ein schönes Leben?

Hans Anthon Wagner mit
seinem Zuhause, einem Schäferkarren.
Am Anfang dieses Lebens
stand ein Spiel.
Foto: Uli Reinhardt/Zeitenspiegel
Hinter dem Pflaumenbaum links, dann
rechts am Walnussbaum vorbei, ein paar Schritte durch struppiges Gras, dann
steht er auf der Lichtung, die sein Wohnzimmer ist. Hans Anthon Wagner,
schwäbischer Einsiedler, setzt sich auf seine Bank an den kleinen Holztisch,
Schafgarbe streift seine Beine, die Grillen zirpen. Niemand soll wissen, wo genau
die Wiese liegt. „Zuviel Besuch ist nicht gut“, meint er.
Wenn ein Mann seit fast vierzig Jahren
an einem Hang in einem Schäferkarren lebt, 3,6 Quadratmeter groß, finden die
Leute das irgendwie faszinierend. Sie wundern sich wie jemand so wohnen kann,
ohne Strom, ohne Wasseranschluss, mit so wenig Platz. Dabei ist seine Wohnung
weit wie die Welt. Hans Anthon Wagner, 68, sitzt am Rand des schwäbischen
Naturparks Schönbuch, draußen vor seinem 150 Jahre alten Schäferkarren, einem
hölzernen Wagen mit Schornstein und zwei Rädern. Er blickt hinunter ins Tal,
über die braunen Felder und die bewaldeten Hügel. Das ist es, was sein Leben
hier ausmacht, er sitzt und schaut.
Der Einsiedler sieht ein bisschen aus
wie Peter Lustig aus der Kindersendung „Löwenzahn“, schmal, hoch gewachsen,
eine Nickelbrille auf der Nase. Peter Lustig wohnte auch auf einer Wiese,
allerdings in einem quietschblauen Bauwagen, weil es im Fernsehen bunt
zugehen muss. Der Schäferkarren im Schönbuch ist nur halb so groß und
außerdem schäbig grau, der Lack schält sich ab wie alte Haut. Trotzdem ist er
ein Sehnsuchtsort. „Darf ich hier einziehen?“, hat ein Wanderer mit Bleistift
neben die Eingangstür gekrakelt. „Leider schon besetzt“, schrieb Hans Anthon
Wagner darunter. Die Wände des Wagens sind voller Botschaften von zufälligen
Besuchern. Wagner hat nichts dagegen. Aber er will nicht zur Attraktion
werden.
„Einmal hat mich eine Rentnergruppe
gesucht, dort unten“, sagt er und deutet mit dem Arm durch die Büsche den
Hang hinunter. Sie hatten im Dorf gefragt, wo der Schäferkarren steht. Doch
die Bewohner hatten geschwiegen. Sie wissen, dass Hans Anthon lieber allein
ist. Sie fanden ihn nicht, und wahrscheinlich hätten sie sowieso keine Antwort
bekommen auf ihre Frage: Wieso leben Sie so?
In dem Jahr, als er zum ersten Mal in
dem Karren übernachtete, war Deutschland gerade Fußballweltmeister geworden,
mit Uli Hoeneß auf dem Spielfeld. In Amerika trat Präsident Nixon wegen der
Watergate-Affäre zurück. Hans Anthon Wagner war Grafiker, 29, Chef einer
kleinen Werbeagentur, die er während des Studiums gegründet hatte. Mit dem
Fahrrad fuhr er manchmal die Gegend ab, von Tübingen bis zur Schwäbischen
Alb, und zeichnete Häuser. Er fand es wichtig, den Charme der Fachwerkhäuser
für die Nachwelt festzuhalten. Auf einem dieser Ausflüge hatte er den Karren
entdeckt, ausrangiert im Hof eines alten Schäfers. Dessen Sohn zog längst mit
einem Wohnmobil von Weide zu Weide, wie es nun alle Schäfer taten. Die engen
hölzernen Karren, die noch von einer Kuh gezogen werden mussten, waren aus
dem Alltag verschwunden. Der alte Schäfer bemerkte das Interesse des Fremden,
und als sie beim Bier zusammensaßen, sagte er: „Du kannst ihn haben, wenn du
ihn in Ehren hältst und einen guten Platz findest.“
Hans Anthon Wagner öffnet die Tür zu
seinem Schäferkarren, duckt sich und tritt ein. Würde er die Arme ausbreiten,
er könnte die hölzernen Wände berühren. Das Bett ist so lang wie das Zimmer,
zwei Meter, er kann sich gerade so darin ausstrecken mit seinen 1,82 Meter.
Es gibt einen Tisch, eine Sitzbank und einen gusseisernen Ofen, der sich in
die Ecke schmiegt. Damit wird im Winter die Stube beheizt. Manchmal köcheln
darauf Kaffee oder Pfefferminze in einem Teekessel. Wagner lässt sich auf der
Bank nieder, stehen kann man hier drinnen sowieso nicht, und schmiert ein
Brot. Dann nimmt er sein Lieblingsbuch aus dem Regal über dem Bett und steigt
wieder hinab ins Gras, mit Käsebrot und dem Philosophen Arthur Schopenhauer.
Schopenhauer schreibt: „Das Streben
sehen wir überall kämpfend, also immer als Leiden.“ Der Lebenskünstler Hans
Anthon Wagner schreibt auch, kleine Gedichte: „Der Deutsche mag den Apfel
sehr, doch hat er ihn, dann will er mehr.“
Als junger Grafikdesigner wollte er
probieren, wie es ist, sich von Dingen zu lösen und mit dem Nötigsten
auszukommen. Eine Herausforderung, ein Spiel. Schaffe ich das, einen Herbst
lang im Schäferkarren? „Erst war es reiner Ehrgeiz“, sagt der Einsiedler.
„Doch es wurde immer schöner.“ Für den jungen Anthon war jede Nacht im Karren
ein Nervenkitzel, er lag wach und lauschte den Geräuschen im Gebüsch. Der
alte Wagner lässt sich gern vom Knacken der Zweige in den Schlaf wiegen.
Arthur Schopenhauer schreibt, nur in
der Einsamkeit kann jeder ganz er selbst sein; in ihr allein ist Freiheit.
Und Hans Anthon Wagner sagt: „Ich bin nicht menschenscheu, ich fühle mich
einfach nur wohl mit mir.“
Er fängt das Regenwasser in Eimern auf
und trinkt es, so lange es frisch ist. Im Winter wäscht er sich mit Schnee.
Aber es geht ihm nicht darum, sich auf die Natur zu besinnen und sich von
ihren Früchten zu ernähren. „Ich koche nicht gern“, sagt er, und sein Mund
zuckt entschuldigend unter dem grauen Schnauzbart. Das Beet hinter dem Wagen
ist verwildert. Der Boden unter der dünnen Erdschicht besteht fast nur aus
Kalk- und Gipsgestein, da wächst nichts gut. „Ich versorge mich im Markt,
nicht weit von hier, da kaufe ich ein“. Es geht ihm nicht darum, sich der
Gesellschaft zu entziehen. Manchmal trinkt er Bier in der Kneipe. Und an
jedem Wochentag spaziert er ins Dorf, kommt abends zurück. Eine Art
Berufspendler. Seit fast vierzig Jahren verdient er das Geld, das er braucht,
mit seiner Kunst. Er hat ein Atelier im Dorf. „Kunst im kleinen Bildformat“
steht auf dem Schild. Er zeichnet Miniaturen. Zehn mal zehn Zentimeter sind
die Rahmen groß, winzig die Stadtansichten und Figuren, die sie bevölkern.
„Ich brauche nicht viel Platz“, sagt er, als beantworte das alle Fragen.
„Manchmal wollen die Menschen von mir
ein Rezept für das gute Leben“, sagt der Einsiedler ein bisschen verwundert,
denn er tut ja nichts Besonderes, außer auf der Bank über dem Tal zu sitzen.
Wenn er auf Lesungen Gedichte aus seinem Buch vorträgt, der
„Schäferkarren-Philosophie“, kommen hinterher immer einige zu ihm, die auf
der Suche sind nach Ruhe oder anderen Dingen. „Einige würden am liebsten mit
mir tauschen.“
Als der junge Anthon sich entschied,
ganz in den Schäferkarren zu ziehen, gab er seine Wohnung auf und schenkte
seine Firma den Mitarbeitern. „Man muss sich selbst genug sein“, sagt er. Das
muss als Erklärung genügen. In der „Schäferkarren-Philosophie“ gibt es ein
Gedicht, das geht so:
Wer eine Sache schildern will
und liefert erst den Kommentar,
der wär, zum Teufel, besser still,
und Wahres bliebe wirklich
wahr.
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Auch die Ulmer SÜDWEST PRESSE
hat sich mit
dem Einsiedler beschäftigt.

„Das Leben
hier in der Höhe
tut mir einfach gut“
Fragen
von Markus Brauer
Hans Anthon Wagners (69) Zuhause ist rund
150 Jahre alt, zwei Meter lang und 1,80 Meter breit. Sein Schäferkarren steht
an einem Hang am Rande des Naturparks Schönbuch. Seinen Lebensunterhalt
verdient der Grafiker, der früher eine eigene Werbeagentur hatte, mit selbst
gemalten Landschaftsminiaturen, die er in seinem Atelier in Ammerbuch
(www.museumanthon.de) ausstellt.
„Ich habe in diesem Jahr 40-Jähriges in meinem
Schäferkarren. Im Herbst 1974 bin ich hier eingezogen. Bis 1976 hatte ich
eine eigene Werbefirma. Zu Vorarbeiten für Lithografien und Ortsansichten bin
ich viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und habe in der Nähe von Münsingen
im Hof eines ehemaligen Schäfers den alten Karren gesehen und gezeichnet. Ich
kam mit dem Schäfer ins Gespräch, schließlich hat er mir den Karren
versprochen, wenn ich ihm einen passenden Standort bieten kann. Damals habe
ich eine Wiese am Berg mit super Aussicht gekauft. Unmittelbar am Rande des
Naturparks Schönbuch.

Einsiedler,
Künstler, Philosoph: Hans Anthon Wagner
vor
seinem Schäferkarren Foto:
Uli Reinhardt
Den Lebensunterhalt verdiene ich als Künstler. Im
Wesentlichen male ich Miniaturgrafiken, mittlerweile sind es weit über 1000.
Warum ich dieses Leben führe, kann ich nicht genau sagen. Es macht mir
einfach Spaß und Freude. Ich bin zufrieden und fühle mich dort oben überhaupt
nicht einsam. Es stört mich manchmal sogar, wenn Leute vorbeikommen. Das
Leben in und bei meinem Schäferkarren gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ich
lebe mit und in der Natur. Selbstversorger bin ich aber nicht. Der Boden ist
sehr kalk- und gipshaltig. Außer meiner Minze für den Tee wächst hier nicht
viel.
Wenn es regnet, sitze ich meistens in meinem
Karren. Ich kann mich aber auch draußen an meinen kleinen Tisch unter einen
Schirm hocken. Bei Regen fühle ich mich genauso wohl wie bei Sonnenschein.
Hier ist es bei jedem Wetter und jeder Temperatur schön. Duschen kann ich in
meinem Atelier. Die Wäsche wird mir gewaschen. Die kleine Katzenwäsche geht
auch aus Wassereimern, die an meinem Schäferkarren hängen. Wenn das Wasser
ganz frisch ist, kann man es trinken.
Der Schäferkarren ist meine Wohnung. Ich arbeite
in meinem Atelier, das eine halbe Stunde zu Fuß entfernt ist, meistens von 9
Uhr morgens an. Hier verbringe ich den Tag, abends kehre ich zum Schäferkarren
zurück.
Was meine Philosophie ist? Ich bin zufrieden mit
meinem Leben. Für mich passt es. Mehr brauche ich nicht. Arthur Schopenhauer
hat vieles geschrieben, was mir entspricht. Man muss sich selbst genug sein.
Drei, vier Bücher habe ich in meinem Karren. Der Platz ist knapp. Wenn ich
ein neues mitnehme, kommt ein altes zurück ins Atelier. Ja, Klaustrophobie
darf man nicht haben. Allerdings bin ich meistens draußen auf meiner Wiese,
da gibt es unendlich viel Platz. Nur zum Schlafen und manchmal bei Regen
ziehe ich mich in meinen Karren zurück.
Im Atelier stelle ich auch aus. Rund 400 Miniaturen
hängen an der Wand. Immer wieder kommen Besucher und unterhalten sich mit mir
über die Kunst und das Leben. Nein, Depressionen hatte ich noch nie. Ich habe
immer was zu denken und zu schreiben – auch Gedichte. Kürzlich habe ich
meinen Apfelbaum geschnitten, nach dem der abgeerntet war. So gibt es immer
was zu tun. Manchmal sitze ich nur hin und gucke übers Tal hinaus ins
schwäbische Gäu, genieße die Aussicht und wundere mich, was die Leute so
alles zu tun haben, während ich da
oben faulenze.
Hin und wieder kommt ein Wanderer auf dem Fußpfad
an meinem Schäferkarren vorbei. Eher zufällig, denn ausgeschildert ist der
Weg nicht. Wir setzen uns dann an meinen Tisch und unterhalten uns über alles
Mögliche. Es passiert immer wieder, dass die Menschen nach einer Stunde sagen,
das Gespräch war jetzt richtig gut. In der Zeit, wo die Leute hier sind, kommen
sie runter von ihrem Stress und empfinden dasselbe gute Gefühl, das ich hier
oben auf meinem Berg habe. Es ist das Zufriedensein in dieser wunderschönen
Umgebung. Eine Religion steckt nicht dahinter. Ja, ich habe einige Bücher
geschrieben, mit denen ich manchmal auf Lesungen gehe. Eines davon heißt
„Schäferkarren-Philosophie“.
Natürlich sollte man nicht überall in der Natur
seine Zelte aufschlagen. Das war anfangs auch bei mir das Problem. Der
Schäferkarren wurde vor vielen Jahren mit Hilfe eines Geologie-Professors,
der mich dort entdeckte, als Kleindenkmal angemeldet, was er wirklich ist. Es
gibt keinen Müll hier und schon lange keine Schwierigkeiten mehr.
Vermutlich ist diese Lebensweise der Gesundheit
dienlich. In den letzten 40 Jahren war ich nie ernstlich krank. Das Leben
hier in der Höhe am Waldrand tut mir einfach gut.“
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Anthon Wagner -
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Vom Glück,
wenig zu besitzen
Von Maike Brzoska
Minimalisten verzichten
auf alles, was sie nicht unbedingt zum Leben brauchen. Nicht aus finanzieller
Not, sondern weil es sich gut für sie anfühlt. Die neue Bewegung ist eine
Alternative zur Überflussgesellschaft – und gleichzeitig eine sehr alte Idee.

Vom Glück des
Einfachen
Foto: Uli Reinhardt
Wie versorgt man sich selbst? Wo kommt das Geld
für den übrigen Bedarf her? Wohnt man alleine oder mit anderen Leuten
zusammen? Hans Anthon Wagner hat diese Fragen schon vor langer Zeit für sich
beantwortet. Er lebt seit 1974 in einem kleinen Schäferkarren, der am Rand
des Naturparks Schönbuch steht, das ist ein Waldgebiet zwischen Stuttgart und
Tübingen. In solchen Karren haben früher Schäfer übernachtet, wenn sie mit
ihrer Herde unterwegs waren. Heute ist es Hans’ Zuhause. Er ist fast 70 Jahre
alt und Künstler – er malt Miniaturbilder. Der Schäferkarren ist keine vier
Quadratmeter groß. Wenn er im Bett liegt, kann er sich ausstrecken, wenn er
sich hinstellt, nicht. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, dafür
viele nützliche Dinge, wie eine Kochplatte, einen Spiegel an der Tür zum Rasieren,
Notizblock, Bücher und ein Klo in der Natur. Aber vor allem gibt es eine
wunderbare Aussicht. Wenn Waner an seinem kleinen selbst gebauten Holztisch
vor dem Schäferkarren sitzt, schaut er über die Felderlandschaft des
schwäbischen Gäus hinweg bis zum Schwarzwald. Bei guter Sicht reicht der
Blick sogar bis nach Frankreich, kann man die Berggipfel der Vogesen
erkennen, den 1424 Meter hohen Großen Belchen etwa. Wagner hat die Lichtung,
auf der sein Schäferkarren steht, einmal als sein Wohnzimmer bezeichnet, die
Aussicht ist dann wohl sein abendliches Fernsehprogramm.

Lebenskünstler Wagner sitzt
vor seinem Domizil im Naturpark
Schönbuch (l.). In einem
kleinen Atelier stellt er seine Werke (r.)
aus und verkauft sie
dort. Foto:
Uli Reinhardt
Bei der Frage, warum er so lebt, zögert er. „Ich
könnte jetzt sagen, hier stört mich keiner, es gibt keinen Streit mit den
Nachbarn, aber das trifft es nicht.“ Wagner war nie genervt von den Menschen,
er hat früher in einer Mietwohnung gelebt und fand das auch okay. Er hat den
Schäferkarren vor mehr als 40 Jahren zufällig auf einem Hof stehen sehen. Er
fing an ihn zu zeichnen, weil ihn die durchdachte Konstruktion des alten
Karrens faszinierte. Er ist 1864 gebaut worden, vor genau 150 Jahren. Der
Hofbesitzer kam dazu, die beiden tranken ein Bier. Irgendwann waren sie sich
einig: Hans darf den Schäferkarren haben, wenn er einen geeigneten Platz für
ihn findet.
Hans Anthon Wagner fand einen Platz. Er restaurierte
den Karren und beschloss ein paar Wochen darin zu leben – nur so zum Spaß. An
die erste Nacht erinnert er sich noch gut, auch weil er kaum geschlafen hat.
„Ich hatte das Gefühl, um den Karren herum lebt alles.“ Geraschel, Knacken,
Wind, der durch die Bäume streift, unerklärliche Laute. Dann plötzlich ein
lautes Bellen, direkt neben dem Karren. Durch die dünnen Wände hörte es sich
an, als würde ihm ein Tier direkt ins Ohr brüllen. Wagner war sofort
hellwach, rührte sich vor Schreck nicht. Ein Förster hat ihm später erklärt,
dass das vermutlich ein Rehbock war, der ihn gerochen hat und sich bedroht
fühlte. Die Rehe sieht er heute noch oft in der Nähe stehen. Inzwischen haben
sie sich an ihren neuen Nachbarn gewöhnt.

Platz ist in der kleinsten
Hütte. Auch bei Minimalist Wagner:
Er ist in seinem lediglich
vier Quadratmeter messenden
Schäferwagen
glücklich.
Foto: Uli Reinhardt
Nach den ersten drei Monaten im Schäferkarren
wollte Hans nicht mehr zurück in sein altes Leben. Er kündigte seine Wohnung
und verschenkte seine kleine Firma an die Mitarbeiter. Als Grafiker hat er
schon während des Studiums eine Agentur aufgebaut. Es lief bestens, aber sein
Leben lang, Unternehmen dabei helfen, Produkte zu verkaufen, das wollte er
nicht. Seitdem malt er, worauf er Lust hat, und verkauft die Bilder in seinem
kleinen Atelier in Ammerbuch-Breitenholz bei Tübingen, wo auch eine
dauerhafte Ausstellung von ihm zu sehen ist. Er ist fast jeden Tag in seinem
Atelier. Hier kann er duschen, es gibt Telefon und Internet – ein Künstler,
der etwas verkaufen will, braucht den Anschluss an die Gesellschaft. Nur wenn
das Wetter besonders schön ist, geht er manchmal durch den Wald spazieren
anstatt zur Arbeit.
Hans ist ein gutes
Beispiel dafür, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die sich für ein
Leben ohne viel Besitz entschieden haben. Aber neuerdings bemerkt er großes
Interesse an seiner Art zu leben. Nach seinen Lesungen gibt es fast immer
Leute, die wissen wollen, wie das genau funktioniert mit dem Leben in der
Natur. Sie bewundern seinen Minimalismus, trauen es sich selbst aber nicht
zu. Manchmal kommen Wanderer zu seinem Karren, die mal gucken wollen, wie er
lebt. Ob er am Meditieren sei, hat ihn letztens einer gefragt, als Wagner an
seinem Holztisch saß. „Nö, ich mach gar nichts“, hat er geantwortet.
Minimalistische
Lebenskunst
Der
Schäferkarren-Einsiedler Hans Anthon Wagner malt und zeichnet nicht nur, er
schreibt auch. Eine Auswahl seiner Gedichte, Geschichten und Weisheiten ist
2005 unter dem Titel „Schäferkarren-Philosophie“ erschienen. Aus dem Buch
stammen die folgenden Zeilen, die den Minimalismus hoch leben lassen:
Die Kunst zu leben
Die Kunst zu leben
ist die Kunst zu lassen
und nach dem Geben
nicht mehr nachzufassen.
Sich gut zu fühlen,
wenn die andern fliegen.
Die Stirn zu kühlen
und im Gras zu liegen.
Das Ziel verlieren
und im Kreis zu gehen.
Bei Wärme frieren
und ganz still verstehen.
Kein „Ja“ ersehnen
und kein „Nein“ zu wollen.
Zurück zu lehnen
und im Geist zu tollen.
Einsam lachen,
Freundschaft nur zu träumen.
Beim Gedanken machen,
nicht den Clou versäumen.
Hans Anthon Wagner
Hans Anthon: Schäferkarren-Philosophie.
Gedichte und Geschichten eines Einsiedlers. Breitenholzer Igelverlag. 168 Seiten,
24 €
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Anthon Wagner -
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Aus dem Buch „Wilder
Schönbuch“
von Roland Bengel

Am Schönbuchtrauf traf ich einen Künstler
und Philosophen, der allein in seinem Schäferkarren lebt – ein sympathischer
Mann, der so gar nicht in das Klischee eines wilden Einsiedlers passen will:
Hans Anthon Wagner ist ein wunderbarer Mensch, den ich ohne das Buchprojekt
wohl nie getroffen hätte – allein der persönliche Gewinn dieser Begegnung
rechtfertigt für mich den großen Rechercheaufwand, den ich mit diesem Buch
betrieben habe.
Philosoph in der Wildnis
Wie hingemalt steht ein Schäferkarren am Schönbuchtrauf.
Einem Stillleben gleich strahlt das alte Holzgefährt zeitlose Ruhe aus. Auch
die umgebende Natur sieht aus wie ein kleines Gesamtkunstwerk. Hohe Buchen
bilden die Kulisse, links und rechts des Schäferkarrens stehen ein paar
knorrige Bäumchen. Ein schönes Fleckchen Erde ist das hier.

Der Blick geht über Zwetschgen- und Pflaumenbäume
hinweg zum Ammertal hinab. Am südlichen Horizont ist im Nebeldunst die
blau-graue Wand der Schwabischen Alb zu erkennen. So wie ein paar Kilometer
Luftlinie von hier entfernt auf einem kleinen Bergrücken die Wurmlinger
Kapelle still ins Tal hinabblickt, so steht auch diese kleine, hölzerne Burg
erhaben auf dem Berg. Nichts stört die Idylle, alles ist stimmig.
Der Karren hat schon etliche Jahre auf dem Buckel.
Hitze und Kälte, Regen und Wind haben an den Holzteilen gezehrt: Auch an den
Speichen und der Deichsel hat die Natur ihre Handschrift hinterlassen. Vor
weiterem Zerfall hat jemand ein paar Blechteile an den zweirädrigen Wagen angebracht.
Sie zieren ihn nun wie ein Sonntagskleid. “Erbaut 1864", steht da. Dem
Eigentümer war das Alter des Karrens offensichtlich eine Gravur auf einer
kleinen Metallplatte wert. Stolz präsentiert sich nun der Wagen in der
Abendsonne.

Der Schäferkarren wurde
1864 erbaut
-davon zeugt ein kleines Emblem.
Das historische Relikt scheint einen Diener vor
einer längst vergangenen Zeit zu machen, als Wanderschäfer von Ort zu Ort
zogen, um ihrer Schafherde immer wieder neue Weidegründe zu erschließen. Doch
von einem Wanderschäfer, einer gemächlich grasenden Schafherde oder von
Hütehunden ist hier weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen kommt Hans
Anthon Wagner des Wegs, ein freundlich dreinschauender älterer Herr. Ihm
gehört der Schaferkarren. Der Hausherr ist kein Unbekannter in der Gegend. Er
hat ein Künstler-Atelier in Breitenholz und engagiert sich im Dorf. Sogar an
der örtlichen Chronik hat er mitgewirkt.
Wie jeden Abend, so zog der Kunstschaffende auch
heute von seinem Atelier in der Forsthausstraße hierher in Gottes freier
Natur. Der Schaferkarren gehört ihm nicht nur, er ist hier zu Hause. Hier
übernachtet er. Hier erholt er sich von seinem kunstschaffenden Tagwerk, hier
stärkt er sich für den nächsten Tag und macht sich seine Gedanken über Gott
und die Welt. Manchmal sitzt er einfach nur da und genießt den Blick in die
Ferne, lässt sich verzaubern von der wunderbaren Natur und atmet den Duft
wahrer Freiheit.

Der Karren hat schon
etliche Jahre auf dem
Buckel. Auch an den
Speichen nagt der Zahn
der Zeit. Foto: Bengel
Die Freiheit ist Wagner ganz besonders wichtig.
„Hier kommt niemand und sagt: du sitzt ja immer noch da und schaust ins Tal
hinab“, erklärt der sympathische Mann. Im Einklang mit der Natur kann er tun
und lassen, was er will: nachdenken oder vordenken, handwerken oder Holz
hacken, schreiben oder lesen, essen oder trinken, oder etwas tun, für das es
in der deutschen Sprache gar kein richtiges Verb gibt: bewusstes Nichtstun.
Er lässt die Bilder der Natur auf sich wirken und wenn ihm danach ist, zieht
er sich in sein Reich, den Schäferkarren, zurück.

In der freien Natur findet
Hans Anthon Wagner
viel Zeit zum
Philosophieren. Foto: Bengel
Gemütlich sieht es da drin aus. Links das Bett mit
rot-gestreiftem Kissen und blau-karierter Decke. Rechts ein Tisch, auf dem
eine Schale mit frischem Obst steht. Darüber ein Brett, auf dem sich Bücher
stapeln. An der Innenseite der Karrentür sieht man Handtücher und Rasierpinsel.
Auch eine hölzerne Seifenbox ist dort angebracht, ebenso ein Spiegel. In der
Ecke hängt ein Filzhut für regennasse Tage. Ein Meterstab steckt in einem
Regal, Schere, Nußknacker und Flaschenöffner baumein an der Wand. Offenbar
hat hier alles einen festgelegten Stammplatz. Sogar ein Ofen steht drin. So
ist er gewappnet für die kalten Wintertage. Den Ofen hat er selbst eingebaut
und dann ausschamottiert. Er hat sogar eine Heizplatte, sodass er sich auch
eine Kleinigkeit zum Essen machen kann.
Draußen hängt eine Stalllaterne für die nun bald anbrechende
Finsternis. Über eine Rinne und eine Kette wird vom Wagendach Regenwasser in
einen aufgehängten Eimer geleitet. Das reicht für die morgendliche Toilette
oder eine kleine Erfrischung. An alles Lebensnotwendige scheint gedacht,
elektrischer Strom gehört nicht dazu. „Kerzen tun es auch“, sagt er. So wird
es richtig gemütlich in der vier Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Wohnung, in
der nicht einmal ein farbenprächtiges Landschaftsbild fehlt, auf dem bezeichnenderweise
monumentale Berge und ein idyllischer Schäferkarren zu sehen sind. Es ist die
Welt von Hans Anthon Wagner: So wie die Welt draußen nach dem Willen der
Natur gemacht worden ist, so soll man sie auch im Inneren mit den Sinnen erkennen
können. Der Schäferkarren als Wille und Vorstellung.

Nistkasten im
Hundertwasserstil, die
Wagner in seiner
Kunstwerkstatt fertigt
und die Lichtquelle, die er
im Schäfer-
karren nutzt. Fotos: Bengel
Gutgelaunt steht der Hausherr da. Ein Einsiedler,
wie er im Buche steht. Auffällig sein verschmitztes Lächeln. Hans Anthon
Wagner hat etwas Gewinnendes. Das Gespräch hat noch gar nicht richtig
begonnen, da schlagt er schon den Bogen zu seinem Hausheiligen, dem
Philosophen Arthur Schopenhauer. Auch er war ein Einzelganger, der im
Alleinsein die Antriebsfeder für kulturelle Leistungen sieht. Wie
Schopenhauer findet auch Wagner neue Ideen in seinem eigenen, von niemandem
gestörten Kosmos. Daraus schöpft er Anregungen für seine kreative Arbeit im
Atelier. Für ihn ist dieses Leben wie maßgeschneidert, ein Wunschtraum seit
Kindheitstagen.
Wer den Schäferkarren zusammen mit Hans Anthon
Wagner betritt, macht gleichzeitig die Tür zu vielen Geschichten auf. So
etwa: Wie er sich vor über 40 Jahren auf der Schwäbischen Alb mit seinem
Notizen- und Malblock auf die Suche nach Bildmotiven machte, den
Schaferkarren sah, ihn porträtierte und dann den alten Schäfer kennenlernte,
der ihm alsbald seinen ausgedienten Karren unter der Bedingung zum Kauf anbot,
dass er einen würdigen Standort erhält. Oder auch: Wie ein hiesiges
„Bäuerle" den Schäferkarren auf einer abenteuerlichen Fahrt mit Hilfe
seines Traktors von der Münsinger Alb zum Schönbuchtrauf brachte. Um ein
weiteres Beispiel zu nennen: Wie er auf seinem Grundstück ungewollt eine
Leiche entdeckte, hinter der sich eine weitere, schier unglaubliche
Geschichte auftat, die genügend Stoff für einen Regionalkrimi bieten wurde.
Fast harmlos dagegen: Dass er auf einer Wiese neben seinem Atelier einen
kleinen Garten besitzt und dort 4 Hühner hält, damit er morgens ein
Frühstücksei auf dem Tisch hat. Doch am liebsten unterhält sich der studierte
Grafiker über Kunst und Philosophie und über das einfache Leben, das schon
allein deshalb bereichernd ist, weil es sich vom Konsumterror abwendet.
„Ich sehe mich als Einzelganger“, sagt er und fügt
leise hinzu: „wie Schopenhauer“ – an den er per Zufall geraten ist. Wie der
Erkenntnistheoretiker des 19. Jahrhunderts ist auch Wagner der Meinung, dass
sich der Mensch nur im Alleinsein entwickeln kann. Und wie sein
philosophisches Vorbild, so ist auch Wagner der felsenfesten Überzeugung,
dass jeder Mensch seine eigene Welt im Kopf hat, sie aber trotz sprachlicher
Übereinkunft mit ganz unterschiedlichen Bildern verknüpft. Zu Schopenhauer
fühlt er eine Art Seelenverwandtschaft. „Obwohl...“, der redegewandte
Gesprächspartner hält für ein paar Sekunden inne, „... obwohl es einen
entscheidenden Unterschied gibt: Schopenhauer war Pessimist, ich bin
Optimist.“ Doch diese Differenz wertet er sogleich für die Richtigkeit der
Grundprämissen dieses philosophischen Denkens, die Hermann Hesse in einem
Gedicht einmal so auf den Punkt gebracht hat: Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein. An diesem Zustand möchte der Einsiedler auch nichts ändern.
So bleibt auch der Standort seines Schaferkarrens geheim.
Alleinsein ist für Wagner jedoch etwas anderes als
„Einsamkeit“. Auch wenn er alleine ist, fühlt er sich nicht einsam. Vielmehr
leuchten seine Augen, wenn er von seinem Alleinsein spricht. „Alleine“, sagt
er, verspüre er einen „Zustand grenzenloser Freiheit“. Auch wenn er mit einem
zufällig vorbeikommenden Wanderer gerne ein Schwätzchen hält, so gilt für ihn
grundsätzlich doch etwas anderes: „Das Alleinsein schafft mir ein Hochgefühl
und bringt mich in den Zustand einer Grundzufriedenheit.“

Wie in einem Paradies. Hans
Anthon Wagner
hat in seinem Refugium
alles, was er zum
Leben braucht. Foto: Bengel
Das war einmal anders. Vor seiner
Schäferkarren-Zeit betrieb Hans Anthon Wagner eine eigene Grafikagentur. Vier
Mitarbeiter, Buchführung, Werbung, Stress. Davon hatte er bald genug. Er
übergab die Agentur kostenfrei an seine Mitarbeiter. Seitdem malt er
Miniatur-Ansichten von Dörfern. 1300 Ortsansichten gibt es inzwischen. Von
jedem Bild existieren 200 Exemplare. Hinzu kommen zahlreiche
Motiv-Miniaturen. Das Geschäft läuft auch ohne Stress.
Bei der Arbeit in seiner Kunst-Werkstatt ist er immer
allein. Niemand lenkt ihn ab. Davon, so ist der Künstler überzeugt,
profitiert auch die künstlerische Qualität. Gleichzeitig betreibt Hans Anthon
Wagner ein schmuckes Museum, das sein Kunstschaffen repräsentiert. Er hat
auch schon einige Bücher geschrieben, die er im Selbstverlag vertreibt. Sein
Bekanntestes heißt, wie könnte es anders sein, „Schäferkarren-Philosophie“. Geschrieben
hat er das Buch im Schaferkarren. Damit zeigt das künstlerische Multitalent,
dass er nicht nur zeichnen und schreiben, sondern auch dichten und
philosophieren kann.
Sein Leben will er jedoch keinesfalls zum Maßstab
für andere machen. „Das Wichtigste im Leben ist, dass man mit seiner
Situation zufrieden ist“, sagt er. Das gilt für jeden Menschen. Der bescheiden
lebende Mann ist mit sich und der Welt zufrieden. Seitdem er das
zuruckgezogene Leben eines Einsiedlers führt, war er noch nie ernstlich krank
– auch das führt der ausgeglichen und zufrieden wirkende Einsiedler auf seine
Situation zurück.
Dabei ist Wagner ein geselliger Mensch, der nicht
nur beim Verkauf seiner Bilder und Bücher sowie seinen Vortragsreisen Kontakt
zu Kunstinteressierten sucht, sondern auch Freundschaften zu anderen Menschen
pflegt. Doch dann stockt er und erklärt verschmitzt lächelnd: „Ich muss aber
auch sagen können ‚Tschüss’, mein Schaferkarren wartet auf mich.“
Roland Bengel: Wilder Schönbuch
erschienen 2015 im Verlag
Oertel+Spörer
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Beitrag aus „Mein Ländle“, die schönsten
Seiten Baden-Württembergs

Im
Künstler-Karren
Ein
Hexenhaus auf Rädern?
von Florian Baitinger,
Fotos: Jean-Claude
Winkler (15),
Wager Archiv (2), Fotolia
(1)
Wohnen auf knapp vier Quadratmetern auf einer einsamen Wiese ohne
Strom und fließend Wasser? Der Künstler und Autor Hans Anthon Wagner lebt
schon ein halbes Leben lang in einem über 100 Jahre alten Schäferkarren.

Rums! Mit einem Fußtritt vom Bett aus fliegt die
Tür des Schäferkarrens auf und rastet ein. Das Morgenlicht erfüllt den Raum.
Der Blick schweift über die Wiese in die Ferne. Mit diesem Ritual beginnt
seit 40 Jahren jeder Tag von Hans Anthon Wagner. Was ist das wohl für ein
Typ, der sich für ein Eremitenleben abseits von Trubel und Kommerz
entschieden hat, der zurückgezogen auf einer abgelegenen Wiese in einem
Schäferkarren wohnt, auf einer Fläche, die kleiner ist als bei anderen Leuten
das Badezimmer?
Auch nur ein Berufspendler
Wir treffen ihn in seinem Atelier in
Ammerbuch-Breitenholz und lernen einen großen, höflichen Mann mit grauen
Locken und Schnauzbart kennen. Durch die Nickelbrille blicken freundliche
Augen mit einer Portion Neugier. Wer sich einen verschrobenen Künstler vorgestellt
hat, einen kauzigen Aussteiger, liegt falsch: „Ich bin eigentlich ganz
normal“, sagt Hans Anthon Wagner lachend. Jeden Werktag geht er zur Arbeit,
wie jeder andere Berufstätige auch. Er bezeichnet sich sogar als
Berufspendler. „Nur meine Wohnung ist vielleicht ein wenig anders als
andere.“ In der Tat! Der Weg dorthin führt ein ziemlich weites Stück hinaus
aus dem Ort. Hans Anthon Wagner geht es jeden Tag zu Fuß, ein Auto besitzt er
nicht. Rund eine Stunde braucht er, mal geht es schneller, mal dauert es
länger. Für einen Pendler ist auch das normal, nur dass nicht Stau oder Bahn
für Verspätung sorgen, sondern die verschiedenen Wege, die er wählt, je
nachdem, auf welchen er Lust hat. Ein teils unbefestigter Feldweg endet fern
der Hauptstraße in einer Wiese. Der letzte Abschnitt führt durchs Gelände, an
Büschen und Bäumen vorbei, zu einer Lichtung auf einem Plateau. Da steht er,
geschützt von Hecken und Sträuchern und von Weitem schwer zu erkennen, der
Schäferkarren aus dem Jahr 1884, das geliebte Heim von Berufspendler Hans
Anthon Wagner.

Beste Aussicht –
die genießt der Künstler
Hans Anthon Wagner
von seinem Zuhause.
Regenwäsche und Open-Air-Wohnzimmer
Nicht ohne Stolz öffnet er die Tür. Der erste
Eindruck: urgemütlich! Quasi ein Hexenhäuschen auf Rädern. Kompakt und auf
kleinstem Raum untergebracht, ist eigentlich alles vorhanden, was der
Bewohner so braucht. Das Bett füllt die komplette Länge aus, gegenüber stehen
ein Tischchen mit Bank und ein kleiner Kanonenofen. Die Stirnseite füllen
Garderobe und Regale mit den nötigsten Alltagsgegenständen: Tasse, Teller,
Schere, Marmelade und natürlich Bücher. Und der Fernseher? Das Handy? Ein
Tablet? Nicht hier draußen. Hier oben gibt es nicht mal Strom oder fließend
Wasser. Hier gibt es nur den Karren, ein Plumpsklo-Haüschen in den Hecken,
ein kleines Überdach fürs Brennholz und einen Bottich, der aus der Dachrinne
das Regenwasser sammelt. Damit wäscht sich der Bewohner und putzt sich abends
die Zähne, bevor er Fuchs und Hase eine gute Nacht wünscht.
Langeweile ist gut
Beengt fühlt sich der Einsiedler dadurch
keineswegs. Er verweist auf sein großes Open-Air-Wohnzimmer in Form des
Gartens mit Holzbank und Tisch. Hier sitzt er gerne und schaut in die Ferne.
Der Blick auf die Ebene unterhalb des Schönbuchs ist atemberaubend schön. Man
sieht Alb und Schwarzwald und bei guter Wetterlage sogar die Vogesen.
Trotzdem kann es einem da schon mal langweilig werden. „Aber ich habe dann
festgestellt, dass man in der Langeweile auf Gedanken kommt, dass Ideen
sprießen. Das ist gut!“, finden sowohl der Künstler als auch der Autor in
ihm, denn hier auf seiner Wiese sind diemeisten
Motive für seine Bilder, ja sogar ganze Bücher entstanden.

Der
Vogel-Brutkasten
ist eines seiner
Werke.
So hat er sich inzwischen gut mit der Einsamkeit
angefreundet. Er ist oft in der Natur unterwegs oder liest viel. Bei Nacht
hat er nur Kerzenlicht. Mittels Spiegel lenkt er den Kerzenschein direkt auf
sein Buch und kann so im Bett wunderbar lesen – auch einer seiner Einfälle,
die in der Langeweile entstanden.
Winterkälte? Pah!
Natürlich bekommt er öfter mal Besuch: Hasen,
Rehe oder Wildschweinrotten haben sich schon blicken lassen. Ein Iltis, so
vermutet Hans Anthon, war auch schon hier. Gesehen hat er ihn nicht, aber
gerochen. Einmal riss ihn nächtens ein kratzendes Geräusch aus dem Schlaf. Es
stammte von einem jungen Fuchs, der versehentlich in den Wasserbottich
gefallen war. Dass manch einer es sehr unheimlich finden könnte, bei völliger
Dunkelheit ganz allein da draußen zu sein, kann Wagner verstehen, aber
richtig Angst hatte er eigentlich noch nie. „Nur einen gewissen Respekt, man
weiß ja nicht, was einen erwartet.“ Auch dass er ohne Telefon lebt bekümmert
ihn nicht. „Bisher war noch nie etwas, wo ich Hilfe hätte rufen müssen; ich
hoffe, dass das so bleibt.“ Und schließlich lebt er ja nicht in völliger
Einsamkeit. Er hat Freunde, die er regelmäßig beim Stammtisch trifft, und
wenn ihm mal nach einem warmen Essen ist, geht er ins Restaurant. Selber
kochen ist nicht sein Ding. Zu Hause gibt es meist nur Vesper, das er sich
auf dem Heimweg im Supermarkt holt. Der Winter kann ihm nichts anhaben.
Kälte? Pah! Unter seiner Decke ist es schön warm. Und wenn es doch mal
richtig kalt wird, wirft er den Ofen an und hat auch hier seine Tricks: „Ein
Brikett mit Zeitungspapier umwickelt hält die Glut sehr lange, das reicht
über Nacht.“

Bad (links) sowie
Schlaf-, Wohnzimmer und Küche liegen
nah beisammen. Auf
kleinstem Raum und
alles da –
Innenansichten eines urgemütlichen Zuhauses
Zufälle und Seilwinden
Doch wie kam er eigentlich zu diesem
Einsiedlerleben? Er hegte keinen Frust über die Gesellschaft, und er
verfolgte auch keine Aussteigerpläne, vielmehr hat es sich ergeben: Es war im
Jahr 1973. Wagner besuchte als junger Grafiker für seine „Ortsansichten“ ein
Dorf bei Münsingen, entdeckte in einem Hof einen alten Schäferkarren und
zeichnete ihn. Der Besitzer wurde darauf aufmerksam. Die beiden fanden sich
auf Anhieb sympathisch und führten „ein fröhliches Gespräch bei zwei
Fläschchen Bier auf einer gemütlichen Bank“. Da machte der Karrenbesitzer dem
jungen Künstler ein unerwartetes Angebot: „Wenn du einen schönen Platz für
den Schäferkarren findest, bekommst du ihn!“ Das ließ sich Wagner nicht
zweimal sagen. Er suchte, fand und kaufte ein Stückle, zeigte es dem
Karrenbesitzer und der hielt Wort. So kam der Karren mit dem Traktor eines
befreundeten Landwirts von der Alb in den Schönbuch, in einer abenteuerlichen
Fahrt über Feld- und Wiesenwege, während welcher der neue Besitzer angesichts
des ächzenden und knarrenden Wagens fürchtete, das damals schon über 100
Jahre alte Gefährt werde sicher unterwegs auseinanderbrechen. Aber es hielt!
Und Hans Anthon Wagner hatte ein neues Hobby. Fast jeden Tag bastelte er an
seiner neuen Errungenschaft und restaurierte sie liebevoll. Aus Abenteuerlust
übernachtete er einmal allein da draußen, eine spannende Erfahrung, die er
wiederholte und auf die Wochenenden ausdehnte, bis ihm eines Tages klar
wurde: „Das ist genau mein Leben!“ Er zog um in den Schäferkarren, der damals
noch am Fuße des Hangs stand. Erst später zog die Motorwinde eines
befreundeten Traktorfahrers die Behausung mit viel Aufwand den steilen Hang
hinauf an ihren jetzigen Standort.
Botschaften in Bleistift
Ab und zu gelangen Wanderer hierher, die von ihrem
Weg abgekommen sind. Mit solchen Zufallsbesuchern unterhält er sich gern oder
lädt sie auch mal auf ein Gläschen ein. Hin und wieder kritzeln Passanten
Botschaften wie „Hier ist es echt schön!“ auf seinen Wagen. Er findet das
lustig und hat dafür sogar einen Bleistift angebracht.

Inspirierend –
hier entstehen die meisten Motive,
Gedichte und
Philosophien des
Künstlers und
Autors.
Manche Nachrichten beantwortet er auch. Nicht so
sehr schätzt er hingegen, dass immer wieder Menschen versuchen, ihn gezielt
aufzustöbern. Von den Bewohnern im Dorf erfahren solche Pilger nichts. Die
wissen, dass Hans Anthon Wagner in seinem Reich lieber für sich ist. Aus
diesem Grund blieb seine Wohnart die ersten 25 Jahre lang sein Geheimnis.
Doch dann lud ihn eine Kollegin zu einer Lesung des Schriftstellerverbandes
ein. Die kam so gut an, dass er viele seiner Gedanken 1999 in seinem Buch
„Schäferkarren-Philosophie“ veröffentlichte. Dafür hat er seinen eigenen
Verlag gegründet, den Breitenholzer Igelverlag. Sein jüngstes Projekt ist ein
Kinderbuch mit dem Titel „Gorgosnoff geht duschen“, das er nicht nur
geschrieben, sondern natürlich auch selbst illustriert hat.
Künstler, von 10 bis 16 Uhr
Wer sich für ihn und vor allem seine Kunst
interessiert, kann den Künstler gerne in seinem Atelier in Breitenholz
aufsuchen, wo er seine Werke auch im Museum Anthon ausstellt. Hier schaltet
Wagner um von Freizeit- auf Arbeitsmodus. Hier ist er modern ausgestattet,
mit Telefon, E-Mail, Fax und Computer. Auch mit dem Internet ist er bestens
vertraut und gestaltet seine Homepages selbst. Anzutreffen ist er dort immer
werktags zu den Kernzeiten von 10 bis 16 Uhr. Die festen Zeiten braucht er
als Konstante und hält sie eisern ein. Dass der gelernte Grafiker von seiner
Arbeit als freischaffender Künstler gut leben kann, macht ihn glücklich.
Seine Spezialität sind Miniaturen, kleine Bilder, die er druckt und mit
Aquarellfarben koloriert. Gerne schreibt der Künstler auch einen passenden
Text, zum Beispiel eine Gratulation, einen Gruß oder eine Liebesbotschaft ins
Bild – ganz individuell. Viele Jahre hat er sich künstlerisch mit den
„Ortsansichten“ beschäftigt. Über 1000 umliegende und weiter entfernte Städte
und Dörfer hat er bereist und im Steindruckverfahren zu Papier gebracht „1326
müssten es gewesen sein“, erinnert er sich ziemlich genau. Von jedem Motiv
druckte er jeweils 200 Exemplare. Rund die Hälfte hat er verkauft.

Links: Miniatur – das
Lieblingsformat Wagners. Die meisten seiner Drucke kann man im Museum Anthon
sehen und kaufen.
Rechts: Der Grafiker bei der
Arbeit in seinem Atelier in Breitenholz.
Hin und wieder denkt er darüber nach, ob er doch
wieder in eine normale Wohnung ziehen soll, „wie eben jeder gelegentlich
seine aktuelle Situation hinterfragt“. Doch er kommt immer wieder zu dem
Schluss, dass er dieses Leben nicht eintauschen möchte. Und so beginnt Hans
Anthon Wagner auch heute den Tag mit einem beherzten Tritt gegen die Tür,
atmet die Morgenluft, schaut vom Bett aus in die Ferne und genießt sein einfaches,
aber erfülltes Leben im Schäferkarren.
Die Kunst zu leben
Die Kunst
zu leben
ist die
Kunst zu lassen
und nach
dem Geben
nicht mehr
nachzufassen.
Sich gut
zu fühlen,
wenn die
andern fliegen.
Die Stirn
zu kühlen
und im
Gras zu liegen.
Das Ziel verlieren
und im
Kreis zu gehen.
Bei Wärme
frieren
und ganz
still verstehen.
Kein „Ja“
ersehnen
und kein
„Nein“ zu wollen.
Zurück zu
lehnen
und im
Geist zu tollen.
Einsam
lachen,
Freundschaft
nur zu träumen.
Beim
Gedanken machen,
nicht den
Clou versäumen.
Hans Anthon
Wagner
Hans Anthon Wagner
Bild- & Buchkunst
Museum Anthon
Forsthausstraße 10
72119 Ammerbuch-Breitenholz
www.hans-anthon-wagner.de
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Hans
Anthon Wagner trägt
das
Humor-Gen in sich
Der studierte Grafiker
hat immer schon Kunst gemacht
Von Rüdiger Schwarz
Einem breiten
Publikum ist der in Breitenholz lebende Grafiker Hans Anthon Wagner durch 3,6
Quadratmeter bekannt. Genau das sind die Maße seines Schäferkarrens, die dem
Einsiedler als Behausung und Nachtlager dienen. Seit über 40 Jahren zieht es
ihn auf seinen Hang am malerischen Schönbuchrand bei Breitenholz. Ruhe,
Alleinsein, Flora und Fauna kurbeln seine Kreativität an.

Hans Anthon Wagner:
Ruhe, Alleinsein, Flora und Fauna
kurbeln seine
Kreativität an Foto: Holom
Mitten
in seinem grünen Wohnzimmer mit dem Panoramablick auf Schwäbische Alb und
Vogesen fliegen Hans Anthon Wagner aberwitzige Einfälle zu. Zufall oder eher
nicht –
von dem engen Unterschlupf scheint es in übertragenem Sinne nur ein kleiner
Katzensprung zu den Arbeiten des Grafikers zu sein. Seine Liebe gehört dem
klitzekleinen Motiv, der Kunst en miniature. In den vorder- und
hintersinnigen Bildchen kommt schon mal zusammen, was sich in der realen Welt
wohl nie über den Weg laufen würde. Da steht mal ein Pinguin auf dem Dach des
Schäferkarrens, kreuzen sich die Wege eines Papageientauchers und einer
Weinbergschnecke. Auf deren Fährte setzt sich der Zeichner in seiner guten
Stube, der Natur, und er fragt sich: „Was, wenn jetzt so eine schwäbische
Weinbergschnecke auf einen Papageientaucher treffen würde?“
Gesagt,
getan: Beim in Kirchentellinsfurt geborenen Maler gibt sich so manches ein
wie zufällig wirkendes Stelldichein. Das auf die knitze, pfiffige,
charmant-neckische Art und Weise, die viele Motive des Malers kennzeichnet. „Wenn ich in die Wolken
schaue, fallen mir idiotische Sachen ein“, witzelt der über 70-Jährige. So etwa ein
klitzekleines Mäuschen, das die schier endlos scheinenden Stufen einer Leiter
hinaufspickt. „Die
Maus bin ich“,
merkt Wagner an. Also lieber „hoch hinaus“, die Weite genießen, als im Tunnelblick vor sich hinzuwursteln. Doch
vielleicht steckt der Künstler mehr als nur ein bisschen in der Haut seines
knuddeligen Mäuserichs „Gorgosnoff“, der in der Welt der vielen seiner Art seinen eigenen Weg geht, nicht
die Einbahnstraße nimmt, es nicht den Lemmingen gleichtut. Das nicht unter
großem Tamtam, sondern einfach so, ohne Ellbogeneinsatz. Dem Maler mit den
familiären Wurzeln in Altingen sitzen seit je her der Schalk im Nacken und
das Zeichnen. Davon legt ein Selbstporträt aus dem Jahre 1949 Zeugnis ab.
Kaum aus den Windeln entwischt, hält sich der Knirps als Strichmännchen auf
Papier fest. Das beinahe schon in der verschmitzten Manier eines Paul Klee.
Da verwundert es weiter nicht, dass Wagner als eine Antriebskraft seines
Schaffens den Humor benennt.
„Es wird
behauptet, die
einfachen
Leute verstünden
nichts
von Kunst. Dabei
verstehen
die oft viel mehr
davon als
sogenannte
Kunstinteressierte„
Hans Anthon Wagner
In
Anbetracht seines farbenfrohen, lebenszugewandten, oft satirischen Oeuvre
horcht man dagegen erst mal auf, sobald er Arthur Schopenhauer als seinen „Hausphilosophen“ bezeichnet. Nun hat sich
Schopenhauer nicht gerade als Menschenfreund einen Namen gemacht. Doch Wagner
hält sich weniger an das eher pessimistische Hauptwerk des Philosophen, als
vielmehr an dessen Aphorismen, die lebensklugen Schriften „Parerga und Paralipomena“. In denen bricht sich
neben großer Lebensverzweiflung eine helle Heiterkeit ihre Bahn. Wie
Schopenhauer den ganzen Kuchen des allzu menschlichen Daseins aufmacht, ist
auch das Werk von Wagner zumeist aus dem Leben gegriffen. „Die Anregungen kommen
vielfach von außen, aus dem, was auf mich einstürmt. Das alles in ein Werk
umzusetzen bedarf aber auch innerer Kräfte“, erzählt der Breitenholzer.
Kunst
kommt bei ihm von Können, hat mit „Handwerk, Geschicklichkeit zu tun“. Als weitere Zutaten sind da noch ein feines
Gespür für Situationskomik, ein liebevoller Schabernack, eine schelmische Ironie
ist mit im Spiel. Da trötet ein Elefant Noten aus seinem Trompetenrüssel, ein
Sindelfinger flitzt in Anspielung auf den städtischen Necknamen auf einem Käse
dahin, einem Ringer winkt als Siegeskranz eine Wurst, Feuerwehrmänner düsen
auf einer Schnecke zum Löscheinsatz.
Eine
smaragdgrüne Schlange, ein blauer Elefant, der fast wie ein Saphir glänzende
Panzer eines Hirschkäfers oder ein regenbogenfarbener Korallenfisch: „Selbst naturalistische
Motive bekommen durch die Farbgebung etwas Karikaturistisches.“ Wenn Hans Anthon Wagner an
seinem Holztischchen auf dem Hügel vor dem wiederhergerichteten Karren aus
dem Jahre 1864 sitzt, denkt er sich Sachen aus, hält gute Ideen auf dem
Papier fest. Wer wäre schon auf den Trichter gekommen, dass etwa „Häuser auch nur Menschen
sind“?, sich über Hausordnungen
und Paragrafen mit menschlichen Verhaltensweisen nichts schenken, genau so
ticken wie ihre zweibeinigen Bewohner. Lässt man den Blick über die
Farblithografien zum diesem Thema schweifen, fällt es einem wie Schuppen von
den Augen, ist man um eine neue, ganz andere Sicht auf die Lebenswelt reicher
geworden. Antriebskraft Kunst? „Der Begriff Kunst wird heute inflationär
verwendet.“
„Als
Grafiker, Zeichner bin ich kein Freund der Abstraktion. Ich sehe alles konkret.
Es wird behauptet, die einfachen Leute verstünden nichts von Kunst. Dabei
verstehen die oft viel mehr davon als sogenannte Kunstinteressierte“, sagt der Grafiker,
schiebt die Anekdote über eine 80-jährige Frau nach, die sich vor einer
seiner humoresken Miniaturen in seinem kleinen Museum und Atelier fast „zu Tode gelacht hat“. Die kleine Begebenheit
illustriert, was der Zeichner meint, wenn er betont, dass Kunst zum
Gebrauchen sein müsse, der Betrachter, wie auch der Künstler selbst, sich mit
ihr wohlfühlen solle. Angesichts Wagners sinnig-heiterem Blick auf den
vielgestaltigen, zuweilen skurrilen Zauber der Welt erinnert man sich eines
geflügelten Wortes der Surrealisten: „Schönheit ist die zufällige Begegnung von Nähmaschine
und Regenschirm auf einem Seziertisch.“
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Aus dem Buch
„111 Orte in und um Tübingen, die man
gesehen haben muss“
Das Museum
Anthon
von Katharina Sommer
Eine Wiese als Quelle der Inspiration
Ein bisschen Tübingen findet sich auch in
Breitenholz: klein, quadratisch und schön. Der Künstler Hans Anthon Wagner
verschrieb sich, als wären ihm Bleistift und Farbe in die Wiege gelegt, für
lange Zeit seinen Ortsansichten en miniature. Unter weit mehr als tausend
„Kunstwerkchen“ - gerade einmal zehn mal zehn Zentimeter groß, teilweise in
Techniken wie Lithografie und Holzschnitt ausgeführt, teilweise koloriert -
sind auch Tübinger Motive zu finden. Gleich nebenan hängen im „Museumle“
weitere Miniaturen akkurat aneinandergereiht an der Wand. Und noch mehr gibt
es zu bestaunen: Großflächige Grafiken, kunterbunte Vogelhäuschen und Bücher
aus Wagners Feder mit Geschichten und Gedichten. Die Räumlichkeiten sind
nicht die größten, aber um alles genauestens unter die Lupe zu nehmen,
braucht es Zeit. Schmunzeln, Lachen, Nachdenken, Bewundern - die Exponate
bewirken viel.

Inspiration für Mögliches und Unmögliches findet
der Künstler in seinem Zuhause, oben am Berg irgendwo am Schönbuchrand, nahe
am Wald auf einer Wiese. Der pittoreske Ort beflügelt ihn, lässt kreative
Ideen in ihm entstehen und verspricht die Abgeschiedenheit und Ruhe, die er
braucht. Da liegt ein Funkeln in Wagners Augen, die Wiese ist, warum auch
immer, seit über 40 Jahren genau das Richtige für ihn. Als lebte er in seinen
Miniaturen, ist sein eigenes Dach über dem Kopf auch nicht besonders groß:
gerade einmal dreieinhalb Quadratmeter Grundfläche, ohne Strom und Wasser.
Seinen Schäferkarren aus dem Jahr 1864 entdeckte er zufällig auf einem Hof
bei Münsingen. Er malte ihn ab und bekam ihn letzten Endes von dem Schäfer
nach dem Versprechen, den ausrangierten Wagen in Ehren zu halten, geschenkt.
Der Wohnort war zunächst absolut geheim, geplant
war die Einsiedelei damals, im Herbst 1974, ohnehin nur für ein halbes Jahr.
Vermutlich hat der Künstler die Erwartungen des Schäfers schon längst
übertroffen.
Adresse Museum Anthon, Bild- und
Buchkunst, Forsthausstr.10, 72119 Ammerbuch-Breitenholz ÖPNV Regionalbahn bis Bahnhof Entringen; weiter mit
Bus 791 bis Haltestelle Breitenholz Lamm; Fußweg 5 Minuten Öffnungszeiten nach telefonischer Verein-barung
07073-7977 Tipp An der Ecke
Walterstraße/Friesenweg am Ortseingang von Breitenholz verblüfft eine
Baumkrone in Würfel-form. Im Sommer unter dichtem Blattwerk versteckt, ist
der knorrige Würfel im Winter besonders gut zu sehen.
Emons-Verlag, Köln 2016
ISBN 978-3-95451-852-4
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Aus dem Buch „KLAUSE Wie moderne Einsiedler leben“
von Aaron Geier und Fabian
Klein
Universität Stuttgart –
Architektur und Stadtplanung

Juli 2017
Hans Anthon
Wagner

Seit über 40 Jahren lebt der Illustrator als Einsiedler in einem
alten Schäferkarren mitten im Naturpark Schönbuch. Erreichbar nur zu
Fuß, etwa 30 Minuten entfernt von der nächsten Ortschaft. Mit dem Verkauf seiner
literarischen und künstlerischen Erzeugnisse sichert er seinen
Lebensunterhalt. Anschluss an Strom und Wasser hat seine Klause nicht. Zur
Kommunikation mit der Außenwelt nutzt Wagner einen PC in seinem Museum,
das auch als Werkstatt und Atelier dient. Die Zeit in der Klause vertreibt er
sich mit Malerei, Dichtung und philosophischen Texten.
„Die Welt voller
Einsiedler ist zum Glück eine Illusion, die nicht der Komik entbehrt.“
1. Was
hat Sie hierher gebracht?
Der Zufall. Mit 28 durchstreifte ich per Fahrrad
die Schwäbische Alb und traf dabei auf einen alten Schäferkarren, der mich
als Bild und als technische Konstruktion beeindruckte. Beim Zeichnen des
Gefährts entwickelte sich ein Gespräch mit dem Eigentümer, der anbot, mir den
alten Karren zu übergeben, sofern ich diesem einen adäquaten Standort
anbieten könne. Den Platz fand ich am Waldrand des Naturparks Schönbuch. Der
Karrenspender war einverstanden. Nach Renovierungsarbeiten zog ich etwa 1
Jahr später zum Test ein und entdeckte, dass hier zu hausen nicht nur
spannend war, sondern immer wieder auch der eigenen Kreativität Flügel
verlieh. Vermutlich wurde mit dieser Art zu wohnen ein bis dahin mir kaum
bewusster Nerv getroffen.
2. Stehen Sie der Gesellschaft, wie wir sie kennen
kritisch gegenüber? In welchen Punkten?
“Leben und leben lassen“, sage ich mir. Jede und jeder sucht seinen eigenen
Weg zum Glück und so wenig ich mir von anderen gerne vorgeben lasse, was zu
tun ist, halte ich mich selbst ungefragt mit Ratschlägen zurück. Der
Gesellschaft, wie wir sie kennen (was auch immer das ist), kann ich nichts
vorwerfen. Es sind immer Individuen mit willfährigen Handlangern im Gefolge,
die kritikwürdige Auswüchse zu verantworten haben. Ich bin nicht in meinen
Karren gezogen weil mir mein Umfeld nicht gepasst hat. Wo Menschen und
Lebensraum Schaden nehmen, ist allerdings Widerspruch angesagt. Die Vielfalt
der möglichen Beeinträchtigungen erlaubt keine Aufzählung. Das fängt schon an
mit dem Fahren eines überdimensionierten Autos und reicht bis zur Erziehung
zu kritiklosem Konsum. Von kriegerischen Auseinandersetzungen gar nicht zu
reden.
3. Wieso dieser Ort für den Schäferwagen? Was ist
besonders dort?
Mein
Domizil steht auf einer Magerwiese in herrlicher Aussichtslage. Dahinter der
Waldrand und nach Südwesten freie Sicht zum Korngäu, zum Schwarzwald und zur
Schwäbischen Alb. Am steil abfallenden Hang vor dem Schäferkarren stehen
einige alte Obstbäume und um mein „Häuschen“ blühen gerade jetzt Blumen in
vielen Farben. Kaum ein Wanderer verirrt sich hierher. Den schmalen
Trampelpfad kennen nur Wenige. Hier kann ich meine Gedanken und Blicke ungestört
schweifen lassen, die Bäume pflegen, Ideen schöpfen oder auch gar nichts tun.
4. Was ist besonders praktisch an Ihrem
Schäferwagen? Was stört Sie an der Behausung?
Rund herum das Holz mit Blech beschlagen hat der
Karren als Faradaysches Käfig schon manchem schweren Gewitter getrotzt. Auch
Regengüssen größten Ausmaßes hält der Karren stand. Selbst unten bleibt er
trocken dank der großen Speichenräder, die Abstand zum Erdboden halten. Auch
Mäusen, Siebenschläfern und so manchem Kriechtier wird so der Zugang
erschwert. Ein kleines überschaubares Refugium umgeben von intakter Natur.
Bei Kälte ist es gut, dass man vom Bett aus mit den Armen vieles im Karren
erreichen kann, ohne die wärmende Zudecke zurückschlagen zu müssen. Nicht
ganz so bequem ist die Zimmerhöhe. Mit 182 cm Körpergröße könnte ich
zusätzliche 5 Zentimeter Raumhöhe gut gebrauchen. Ansonsten ist fast alles
perfekt. Bei gutem Wetter dient mir die Wiese davor als ausgedehntes
Freiluft-Wohnzimmer. Tisch und Bank stehen schon dort.
5. Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der alle
Menschen so leben wie Sie? Wie sieht diese Welt aus?
Ich
schätze die unbebaute Weite um mein „Eigenheim“, ohne Nachbarn. Dafür
verzichte ich auf manche Annehmlichkeit. Dieser Verzicht fällt in unserer
westlichen Wohlstandsgesellschaft vermutlich vielen Leuten schwer. Schon das
verhindert, dass alle Menschen leben wie ich. Auch lieben und brauchen die
meisten Gesellschaft und können mit sich selbst oft nichts anfangen. Wer sich
nicht selbst genug ist, hält die Einsamkeit nicht lange aus. Die Welt voller
Einsiedler ist zum Glück eine Illusion, die nicht der Komik entbehrt. Auch
deshalb gefällt sie mir.

6. Wie
versorgen Sie sich mit Nahrung, abgesehen von den Eiern der Hühner? Wo lagern
Sie die Lebensmittel?
Auf dem Weg vom Atelier im Dorf zu meinem Karren
am Wald nehme ich manchmal einen kurzen Schlenker in Kauf und packe mir im
Markt des Nachbarortes alles was ich kurzfristig brauche in den Rucksack.
Obst wächst bis spät im Jahr auf den Bäumen. Eine halbe Stunde Fußweg
entfernt bietet eine Waldgaststätte immer etwas Warmes an. Meine Kochkünste
sind nicht ausgeprägt. Die Lagerhaltung ist gering. Auch ein paar Tage altes
Brot schmeckt noch super unter einer nicht zu dünnen Marmeladeschicht. Butter
gibt es nur im Winter. Eine Kiste im Erdboden hält Äpfel bis ins Frühjahr
essbar, wenn man die geeigneten Sorten kennt.
7. Wie wichtig sind Ihnen soziale Bindungen (trotz
der räumlichen Abgeschiedenheit)?
Mit einigen Menschen pflege ich den Austausch, teils seit vielen Jahren. Auch
treffe ich mich mit ein paar Freunden in 4 bis 6-wöchigen Abständen zum
Stammtisch im Gasthaus bei anregender Unterhaltung. Daneben ergeben sich
weniger tiefschürfende Kontakte mit Besuchern meines Museums oder irgendwo
unterwegs. Wo viele Menschen sind, bin ich meistens nicht.
8. Was ist für Sie nachhaltiges Leben? Leben Sie
nachhaltig?
Wenn nachhaltiges Leben ein Leben ist, das
unseren Planeten, soweit ich ihn von meinem Schäferkarren aus überblicken
kann, lebenswert und „gesund“ erhält oder im besten Fall noch ideell
bereichert, dann lebe ich nachhaltig.
“Auch ein paar Tage altes Brot schmeckt noch super unter einer
nicht zu dünnen Marmeladenschicht.“
9. Wenn
Sie etwas an Ihrem Leben ändern könnten, was wäre das?
Im Moment habe ich in dieser Hinsicht, von den
zusätzlichen 5 Zentimeter Raumhöhe abgesehen (s.o.). keine offenen Wünsche.
10. Wie sind Sie auf diese ungewöhnliche Art des
Wohnens gekommen? Gibt es konkrete Vorbilder?
Vorbilder hatte ich keine. Auch religiöses
Eremitentum ist nicht meine Sache. Ich wagte einfach einen Versuch mit damals
offenem Ende. Siehe dazu Frage 1.
11. Machen Sie sich Gedanken darüber, zurückkehren zu
müssen? Zum Beispiel aufgrund altersbedingter, körperlicher Einschränkungen?
Gelegentlich
denke ich darüber nach, den Berg hinauf zu meinem Schäferkarren vielleicht
eines Tages nicht mehr bewältigen zu können. Doch ich habe in meinem
72-jährigen Leben auch gelernt, dass die Zukunft meistens anders kommt, als
man denkt. Also mache ich mir erst mal keinen Kopf über ungelegte Eier.

R A U M


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Aus dem MampoMagazin
Schäferwagen
Leben auf einer Achse
Was in früheren
Zeiten eine Notwendigkeit war, ist längst zum Statement geworden: Das Leben
in mobilen Unterkünften vermittelt einen Hauch von Abenteuer, gepaart mit dem
Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Doch wie autark sind die Nutzer von
Bau-, Zirkus- oder Schäferwagen wirklich? Gibt es Tipps, Einschränkungen oder
Bedingungen für die alternative Wohnform? Antworten auf diese und viele
weitere Fragen findest Du hier:
Anfang und Ende der Mobilität
Seinen Ursprung hat mobiles Wohnen im
wohl ältesten Gewerbe der Welt – der
Schäferei. Den damit verbundenen Aufgaben entsprechend zogen
Hirten mit den Tieren nomadisierend
umher. Um das Vieh allzeit im Auge behalten zu können, verbrachten sie
buchstäblich jede Minute bei der Herde. Für den Nachtschlaf nutzten sie so
genannte Schlupfkarren – auf Räder gesetzte Holzverschläge, die so niedrig
waren, dass die Schäfer darin nur knien oder liegen konnten.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts
vergrößerten sich die Fahrzeuge zum heute bekannten Schäferwagen. Jetzt boten
sie den Hirten genügend Platz, um
sich darin aufzurichten und zusätzliche Tätigkeiten
auszuüben. Damit entwickelte sich der ehemalige Karren zur Kombination aus
Lager, Büro, Wohn- und Schlafstätte. Weil er dadurch größer und schwerer
geworden war als seine Vorläufer, benötigten die Schäfer zur Fortbewegung
Hilfsmittel wie Rinder oder Pferde.
Rechtliche Grauzone
Ganz so frei wie es scheint sind die
BewohnerInnen von Schäferwagen & Co. jedoch nicht – zumindest nicht, wenn
es um die Wahl ihres Standortes geht. Beim Auf- bzw. Abstellen der Fahrzeuge
sprechen Baurecht und Naturschutz
nämlich eine recht deutliche Sprache:
Parken
erlaubt
Grundsätzlich ist es gestattet, die
Wagen außerhalb von Ortschaften zu
parken. Hier dürfen jedoch weder zusätzliche Aufenthaltsräume
noch Sanitäranlagen oder Feuerstätten errichtet werden – denn alle genannten Bauten bedürfen einer Genehmigung.
Damit bleibt der wild platzierte
Schäferwagen mit abseits stehendem Trockenklo, Sitzecke im Grünen und
Kochstelle unter freiem Himmel ein Traum, der an amtlichen Vorschriften
zerplatzt.
Langmütig
geduldet
In Einzelfällen dürfen die Wagen aber
stehen bleiben. Nämlich dann, wenn ihr Standort
und ihre Nutzung für das Umfeld kein Problem darstellen –
also niemand belästigt oder gefährdet wird. Ob dem so ist, entscheiden nicht
nur direkt betroffene Personen, sondern auch Stellvertreter oder stellvertretende Institutionen.
Touchiert der Schäferwagen ein Privatgrundstück, Biotop oder
Naturschutzgebiet, müssen Besitzer ihn nach Aufforderung unverzüglich
entfernen (lassen). Doch selbst wenn es keine Einwände gibt, ist das Fahrzeug
am Abstellort lediglich geduldet.
Alternative
zum Alternativsein
Die Lösung bilden Absprachen mit den Grundstückseigentümern.
Auch in diesem Fall sind Stellplätze außerhalb von Ortschaften vorzuziehen
und Naturschutzgebiete oder Biotope zu meiden. In manchen Städten stehen
spezielle Flächen für alternatives Wohnen zur Verfügung. Auf diesen so
genannten Wagenplätzen werden die Fahrzeuge nach individuellen Regeln
geduldet; die Formen des Zusammenlebens können jedoch sehr unterschiedlich
sein.

Seltene Originale
Original erhaltene Modelle sind so gut
wie gar nicht mehr zu haben, da die meisten schon durch normalen Gebrauch
starkem Verschleiß unterlagen. Heute findest Du „echte“ Schäferwagen nur noch
in Museen oder Liebhaberhänden.
Einer der wenigen, der noch zu Wohnzwecken in
Gebrauch ist, steht am Rande des baden-württembergischen Naturparks
Schönbuch. In ihm lebt der deutsche Zeichner und Lithograf Hans Anthon
Wagner, der seine Erfahrungen als Schäferwagen-Bewohner im Buch „Schäferkarren-Philosophie“
festgehalten hat. Es spiegelt genau jenen Aspekt wider, den Freunde der
mobilen Häuschen als Hauptgrund für ihre alternative Wohnform angeben: Dass
das Leben im Schäferwagen ein wohltuender Abzweig von ausgetretenen Wegen ist
und seine Bewohner trotzdem – oder gerade deswegen – glücklich machen kann.
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Nach 44 Jahren
wirbt die Stadt Wildberg mit einem neuen Plakatmotiv für ihren Schäferlauf.
Hans Anthon Wagner gestaltete das ehemalige von Hand.
Plakate sind nicht
immun gegen die Moderne
Von Lara Peters
Vor 44 Jahren gestaltete der Künstler Hans Anthon
Wagner das Plakat, das seither den Wildberger Schäferlauf repräsentiert. Es
bildet einen historischen Schäferkarren ab. Nun wird es bald ein neues Plakat
geben.
Seit
Jahren ist der abgebildete Schäferkarren ein traditionelles Bild des
Schäferlaufes. Es handelt sich bei ihm allerdings nicht um irgendeinen
verlassenen Schäferkarren, sondern um das Zuhause des Künstlers Hans Anthon
Wagner.
Dieser
entdeckte den mehr als 100 Jahre alten Schäferkarren 1973 zufällig auf der
Schwäbischen Alb und skizzierte ihn in seinem Block. Dabei wurde der Künstler
vom Eigentümer des Karrens ertappt. „Wir kamen ins Gespräch, tranken
gemeinsam ein Fläschle Bier im Hof und einigten uns schließlich, dass ich den
Karren haben kann, wenn ich ihm einen standesgemäßen Platz bieten könne“,
erinnert sich der 72-Jährige. Mit einer Wiese am Rande des Schönbuchs als
Stellplatz war auch der ehemalige Besitzer einverstanden.
Nach
einigen Übernachtungen zur Probe, zog Wagner 1974 endgültig in seinen
Schäferkarren. Bis heute lebt er dort und genießt es, so nah mit der Natur,
den Jahreszeiten und den Tieren verbunden zu sein. „Weder Handy noch Radio
haben Platz in meinem Karren. Morgens fahre ich mit dem Rad ins eigene
Geschäft nach Breitenholz und abends geht’s wieder zurück“, erzählt der
Einsiedler. Viele seiner Erlebnisse beschreibt er in seiner
„Schäferkarren-Philosophie“.
Neben
diesem Buch widmet sich Wagner unzähligen Bildern, die in seinem „Geschäft“ –
seinem eigenen Museum in Breitenholz zu bestaunen sind. Die Bilder sind
jeweils gerade einmal zehn mal zehn Zentimeter groß. Zusammen beanspruchen
sie aber eine große Fläche – immerhin sind es über 2000 kleine Werke.
„Beim Malen vergesse ich mich selbst. Wenn
eine Arbeit gelingt, bin ich zufrieden. Für mich ist das Glück“, so der
Zeichner und Lithograph. Die Freiheit der Natur bietet ihm guten Raum für
Kreativität. „Ich bin gerne allein, aber einsam fühle ich mich nicht. Ich
vermute, dafür muss man geboren sein“, schmunzelt Wagner.

Der Künstler Hans Anthon Wagner gestaltete das
Schäferlaufplakat der vergangenen Jahre noch von Hand.
Sein
Schäferwagen ist jedoch nicht nur Raum, um seinen Interessen nachzugehen, sondern
war auch Inspiration fürs Plakat. Kurz nach dem der Künstler im Jahr 1973 vom
damaligen Bürgermeister Eberhard Seewald gebeten wurde, ein Plakat für den
Schäferlauf zu entwerfen, fand Wagner den Schäferkarren. „Und weil
Schäferlauf und Schäferkarren zusammenpassen, war mir klar: Dieser Karren ist
authentisch und kommt aufs Plakat“, erinnert sich Wagner. „Wenn ein Schäfer
in Eile seinen Karren verlässt, um rechtzeitig beim Wettlauf zu sein, ist es
gut möglich, dass er in der Hektik die Schäferkarrentür offen stehen lässt“,
erklärt der 72-jährige Künstler. Die Grundidee war geboren.
Die
Druckfarben Grün, Gelb, Orange, Rot und Schwarz mussten jeweils als eigene
Zeichnungen angefertigt werden, damit beim Hintereinanderdruck alle Farben
genau zusammenpassen. Mit den heutigen Möglichkeiten hätte er das problemlos
mit dem Computer innerhalb von wenigen Minuten erledigen können. Da Wagner es
aber zu der damaligen Zeit jedoch per Hand machen musste, kostete es ihn
mehrere Stunden. „Als altmodischer Handzeichner denke ich, dass man sich mit
handwerklichen Arbeiten eher identifiziert als mit am Computer geschaffenen
Dingen“, sagt Wagner.
Traurig über die
Planung eines neuen Plakates ist er jedoch nicht. Schließlich ist sein
Schäferkarren bereits seit Jahrzehnten ein traditionelles Markenzeichen des
Wildberger Schäferlaufs. „Das ist der Lauf der Zeit. Heute wird alles auf
jugendlich getrimmt. Auch Plakate für historische Heimatfeste sind nicht
immun gegen moderne Ideen“, schmunzelt Wagner.
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Aus der Luft und zu Fuß:
Breitenholz
von Andrea Bachmann
Breitenholz ist
der vermutlich ruhigste Ort des ganzen Landkreises Tübingen. Der kleinste
Teilort Ammerbuchs entzieht sich erfolgreich den Beschleunigungsversuchen,
denen der Rest der Welt unterliegt. Nicht einmal die Ammertalbahn hält hier,
man muss den Bus nach Entringen oder Herrenberg nehmen. Erst 2010 gab es hier
ein schnelles Internet.

Foto: Erich Sommer
Dass die Uhren
hier in Breitenholz schon immer ein wenig langsamer tickten als anderswo, kann
man auch an den drei noch erhaltenen „Gruabbänken“ sehen, von denen zwei am
Ortsrand und eine mitten im Dorf stehen. „Gruaben“ ist schwäbisch und heißt
„ausruhen“. Die torähnlichen hohen Steinbänke dienten als Ruheplätze, auf
denen schwere Tragekörbe abgestellt werden konnten.
Außerdem verfügt
Breitenholz über einen eigenen Diogenes, auch wenn der Philosoph am
Schönbuchrand nicht in einer Tonne haust, sondern in einem Schäferkarren. Es
sollte eigentlich nur ein einige Monate währendes Experiment sein, auf das
sich Hans Anthon Wagner 1974 einließ, als er auf einem Hof bei Münsingen den
Schäferkarren von 1864 als Motiv entdeckte und der Schäfer ihn dem Maler und
Grafiker schenkte. Jetzt wohnt Wagner immer noch dort und fertigt vor allem
Ortsansichten en miniature an, die er in seinem „Museumle“ in Breitenholz
ausstellt. Wer sich die Zeichnungen, Holzschnitte und Lithografien anschauen
oder in den Büchern voller Gedanken, Geschichten und Gedichten blättern
möchte, braucht Zeit.
Die ist im Dorf
ein wenig stehen geblieben. Breitenholz blieb von der Abbruchwelle der
1970er-Jahre weitgehend verschont und kann deshalb mit einer dörflichen
Struktur aufwarten, die es nur noch selten gibt: Das Rathaus stammt noch von
1563, das ehemalige Gasthaus zum Lamm kann noch mit Bauelementen aus dem 17.
Jahrhundert aufwarten. Die Gärten, Wiesen und Felder drumherum machen das
Idyll perfekt. Und der Schönbuch ist direkt nebenan. Ein großer Teil des
Waldes gehört zur Gemarkung Breitenholz.
Als 1827 die
sogenannten Schönbuchgerechtigkeiten abgelöst und 1830 die Staatsdomänen zu
Gemeindebezirken aufgeteilt wurden, bekam Breitenholz ein Waldstück, das bis
zur Teufelsbrücke im Goldersbachtal reicht. Die Königliche Jagdhütte liegt
ebenso auf der Gemarkung wie die alte Burgruine der Herren von Müneck. Das
waren im 12. und 13. Jahrhundert Dienstherren der Pfalzgrafen von Tübingen
und Ortsherren von Breitenholz. Die Burg wird 1259 zum ersten Mal erwähnt.
Sie lag am südlichen Schönbuchrand auf einem Vorsprung aus Stubensandstein.
Von dort hat man noch heute einen fantastischen Blick über die Breitenholzer
Weinberge und das Ammertal bis hinüber zur Schwäbischen Alb. Die Burg ist
jedoch längst zerfallen, nur ein paar freigelegte Grundmauernreste und der
ehemalige Burgwall sind noch zwischen den Bäumen und dem Waldboden zu
erkennen. Der letzte Herr zu Müneck, ein gewisser Albrecht, war zwischen 1373
und 1383 Chorherr in Sindelfingen.
Die Burg verfiel
und die Breitenholzer nutzten sie als Steinbruch, um Weinbergmauern und
Wohnhäuser daraus zu bauen. Vielleicht stecken auch ein paar Steine in dem
Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert. Die Kirche war dem heiligen Wendelin
geweiht, dem Schutzpatron der Bauern, Landarbeiter und Hirten. Er hätte
sicher gern seine Tragekörbe auf den Gruabbänken abgestellt, um sich
auszuruhen.
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Ein Siedler
Auf einem
Grundstück am Rande des Naturparks Schönbuch lebt der Künstler Hans Anthon
Wagner in einem Schäferkarren. Ohne Strom und Telefon, ohne Internet und
fließendes Wasser führt er ein Leben inmitten der Natur. Wie fühlt sich das
an?
Text:
Nele Höfler Fotos: Jean-Claude
Winkler

Früher lebten Schäfer in dem
Karren bei ihrer Herde. Heute ist er das Zuhause von Hans Anthon Wagner.
Wenn am Morgen erste Sonnenstrahlen auf das Blechdach des
alten Schäferkarrens scheinen, erwärmt sich das Metall langsam und beginnt
leise zu knacken. Dieses Geräusch weckt Hans Anthon Wagner. Der 74-Jährige
nennt es daher seinen „Wecker mit eingebautem Wetterbericht“. Eine laut Uhr
empfindet er dagegen als Bevormundung: Verschläft er, habe er den Schlaf ja
ganz offenbar gebraucht.
Wagners Karren steht auf seinem Grundstück am Rande des
schwäbischen Naturparks Schönbuch in Baden-Württemberg. Nur zu Fuß und
querfeldein kann man sein Zuhause nahe am Waldsaum erreichen, kein Weg führt
dorthin.
Hinter einem Pflaumenbaum geht es links, dann rechts an
einem Walnussbaum vorbei bis zu einer versteckten Lichtung zwischen
Obstbäumen, die Wagner „mein Wohnzimmer“ nennt.
Den genauen Standort will Wagner nicht verraten. Denn je
weniger Menschen den kennten, desto besser.

Ein schmales Bett, ein Tisch, ein
kniehoher Ofen mit Kochstelle: für mehr ist auf den 3,60 Quadratmetern im
Schäferkarren kein Platz. Seine Bilder, Pinsel und Farben lagert der
Einsiedler in seinem Atelier im Dorf.
Im Gebüsch ein Plumsklo
Schwer ist der alte Karren zwischen den Bäumen
auszumachen: Er ist nur zwei Meter lang und 1,80 Meter breit. Das Leben in
dem Mini-Zuhause bedarf guter Organisation. Ein schmales Bett, ein Tisch, ein
kniehoher Ofen mit Kochstelle, einige Bücher, ein paar Stifte, Pinsel und
Skizzenblocks - für mehr ist nicht Platz.
Ein Plumpsklo ist im Gebüsch versteckt. In Eimern sammelt
Wagner Regenwasser: Er trinkt es oder wäscht sich damit, verwendet es zum
Kochen, spült anschließend darin das Geschirr und gießt schließlich seine
Pflanzen.
Weil er keinen Kühlschrank besitzt, muss er auf manche
Lebensmittel wie etwa Butter verzichten. Dafür gibt es bei ihm am Morgen
selbst gemachte Marmelade aus eigenen Früchten und frische Eier von seinen
zwei Hühnern. Er hat sie „O“ und „U“ getauft, denn „O“ übernachtet immmer
oben im Geäst, „U“ im unteren.
Was manchem wie ein eher karges, entbehrungsreiches Leben
erscheinen mag, ist für Wagner pures Glück. Und obwohl er ein einfaches
Dasein ohne Strom, fließendes Wasser, Telefon, Radio, Internet oder TV-Gerät
führt, beneiden ihn offenbar nicht wenige: Die Außenwände seines Karrens sind
voller Botschaften von Wanderern, die an seinem Zuhause vorbeikamen, ihn aber
nicht antrafen.
„Darf ich hier einziehen?“, steht dort. „Leider schon
besetzt“, hat Wagner darunter gesetzt.
1973 entdeckte der damals 28-Jährige den fast 200 Jahre
alten Karren auf dem Hof eines alten Schäfers. Der Wagen war gebaut worden,
damit Schäfer auch bei der Herde ein Heim haben und es verlagern können, wenn
die Tiere den Weidegrund wechseln.
Damals besaß der Grafiker eine kleine Werbeagentur. Die
Firma lief gut, brachte aber eine Menge Arbeit mit sich. Der Karren eröffnete
ihm eine ersehnte Möglichkeit zur Erholung: Hier konnte er inmitten der Natur
leben, ein Siedler im Grünen werden. Schon als Kind hatte Wagner es geliebt,
Tieren und Pflanzen nah zu sein.
„Du kannst den Karren haben, wenn du ihn in Ehren hältst
und einen guten Platz findest“, sagte der alteSchäfer zu ihm.
Wagner grübelte nicht lange, gab seine Wohnung auf,
verkaufte sein Auto, verschenkte seine Firma an die Mitarbeiter. Er
restaurierte den Karren, erwarb ein Grundstück – und begann ein Leben fernab
der Zivilisation.
Seit seinem Umzug ins Grüne ist er Berufspendler. Während
der Woche spaziert der freiberufliche Künstler täglich zwei Kilometer ins
Dorf Breitenholz. Dort hat er eine Galerie und ein Atelier. Denn er zeichnet,
druckt und verkauft Bilder: Ansichten aus der Umgebung oder fantasievolle
Figuren, heiter und bunt. Auch sein Buch „Schäferkarren-Philosophie“ kann man
hier erwerben.
Wie der Künstler selbst, brauchen seine Bilder wenig
Platz: Zehn mal zehn Zentimeter sind die Rahmen groß.
Wildschweine grunzen
Am Abend schultert Wagner seinen Rucksack und wandert
zurück zu seinem „kleinen Stückchen Freiheit“ im Grünen.
Dort angekommen setzt der Einsiedler sich auf ein
Holzbänkchen und blickt hinab ins Tal. Passanten denken dann oft, er
meditiere. Dabei tut er gar nichts, er schaut nur in die Landschaft.
Manchmal liest er, schreibt ein Gedicht oder trinkt
selbstgemachte „Dichterminze“: einen frischen Minztee mit einem Schuss
Obstbrand.

Wagners Wohnzimmer ist die Natur,
und wie er selbst brauchen seine Zeichnungen im Miniaturformat wenig Platz.
Ist es Zeit, ins Bett zu gehen, streift er seine Schuhe
vor dem Karren auf der ehemals rotgelb gestreiften Flechtmatte ab, die über
die Jahre eine erdige Tarnfarbe angenommen hat und zu einem Unterschlupf für
Kleintiere geworden ist.
Drinnen zündet er eine Kerze an und entfacht im Ofen ein
Feuer für die Nacht. Nach kurzer Zeit breiten sich wohlige Wärme und der
würzige Geruch nach Holzfeuer in dem kleinen Raum aus. Sorgfältig hängt er
seine Kleidung auf und schlüpft ins schmale Bett.
Eine Weile lauscht er dann den Stimmen der Natur: dem
Prasseln von Regentropfen, dem Gesang der Vögel, dem Zirpen der Grillen,
manchmal auch dem Grunzen von Wildschweinen.
Seit mehr als 40 Jahren lebt Hans Anthon Wagner nun schon
in diesem Rhythmus, pendelt zwischen Dorf und Karren, zwischen Atelier und
Obstwiese. Häufig fragen ihn Menschen, ob er denn nicht einsam sei, so allein
dort oben zwischen Bäumen, Gebüsch und Gräsern. Nein, sagt er dann.
Schließlich habe er immer Gesellschaft: seine Hühner, stromernde Katzen,
Fuchs und Dachs. Zuweilen auch vorbeikommende Wanderer.
Und letzten Winter haben viele Dutzend Marienkäfer die
kalten Monate bei ihm verbracht, geschützt in einem alten Leinensack, der
draußen neben der Tür hing.
Als die Strahlen der Sonne wieder wärmer wurden, krochen
sie hervor – und schwirrten ins Grüne. Hinaus in Wagners Welt.
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Aus dem Buch „Glücksorte in Tübingen“
Große Kunst ganz klein
Das Museum
Anthon
von Mareike Fröhlich
Das Museum Anthon ist anders. Keine
langen Gänge und Hallen erwarten den Besucher - es besteht nur aus einem
einzigen Raum. Dieser befindet sich in einem ganz normalen Wohnhaus am Rande
der Streuobstwiesen von Breitenholz in Ammerbuch. Kaum jemand würde erwarten,
dass hier rund 400 Kunstwerke an den Wänden hängen. Doch große Kunst muss
nicht groß sein. Schließlich liegt die Schönheit im Detail.

Knapp 10 x 10 Zentimeter messen sie,
die Bilder von Hans Anthon Wagner, und laden ein, ganz nah heranzutreten, um
jedes Detail entdecken zu können. Eine Lupe braucht der Grafiker meistens
nicht zum Malen. Nur manchmal, wenn es ihn überkommt und er ein winziges und
doch lesbares Straßenschild an die Hauswand einer Stadtansicht zaubern
möchte. Wahrscheinlich benötigt der Betrachter dann ebenfalls eine Lupe.
Hans Anthon Wagner fertigt Bilder manchmal auch auf
Wunsch - Geschenke für ganz besondere Menschen.
Gut 1200 Stadt- und Dorfansichten sind von 1972 bis
2006 entstanden. Dann war die letzte Ortsansicht gezeichnet sowie im
Steindruck gedruckt, und dieses kleine Museum der Miniatur-Kunst öffnete seine
Tore. Alle gezeigten Bilder, ob naturgetreue Darstellung, karikiert oder
abstrakt, sind beeindruckend, tiefsinnig und schenken dem Betrachter ein
Lächeln.
Seinen Feierabend verbringt Hans Anthon Wagner zu
Hause, und sein Heim ist genau so klein wie seine Kunst: ein
Vier-Quadratmeter-Schäferkarren. Diesen entdeckte er 1973 auf einem Hof bei
Münsingen. Er zeichnete ihn und bekam ihn schließlich sogar geschenkt -
allerdings nur unter der Voraussetzung, dass er einen schönen Platz für den
damals schon über 100 Jahre alten Schäferkarren finden würde. Diesen Wunsch
hat Hans Anthon Wagner erfüllt, und sein Karren steht seither am sonnigen
Rande des Schönbuchs. Das Leben dort macht ihn glücklich, genauso wie das
konzentrierte Arbeiten an einem Bild und dessen zufriedenstellende
Vollendung.
Wer im übersichtlichen Museum auf Entdeckungstour geht,
kann diese Glücksmomente oft selbst erleben. Ob beim Betrachten des ersten
Selbstbildnisses des Künstlers, den Gesangverein in Aktion oder der
Gärtnerin.
.....................................................................
Museum
Anthon, Forsthausstraße 10, 72119 Ammerbuch-Breitenholz, Tel. (07073) 7977
www.museumanthon.de
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Aus:
Jenseits
des Weltgetriebes
von Gunda Bartels
Neu-eremitische Bewegung in Deutschland
Ähnlich wie
andere säkulare Einsiedler von heute, über die Ebba Hagenberg-Miliu in ihrem
Buch „Allein ist auch genug. Wie moderne Eremiten leben“ schreibt, sind diese
Aussteiger oft Menschen, die Lebenskrisen hinter sich gebracht und Ballast
abgeworfen haben. Mit dem Eremitenleben geht häufig ein Bedürfnis zum
Bekenntnis, zur Selbsterklärung einher. Wie vor 1700 Jahren melden sich auch
heute Anhänger der eremitischen Lebensart gern in eigenen Schriften zu Wort.
Sie heißen „Seele sucht Ruhe: Gedanken aus der Einsiedelei“, die
Benediktiner-Eremit Raimund von der Thannen veröffentlicht hat, der zwölf
Jahre lang in der Einsiedelei Saalfelden lebte und mit seinem Ausscheiden
2016 einen wahren Bewerberansturm auf die 350 Jahre alte Bergklause auslöste.
Oder auch
„Schäferkarren-Philosophie“, wie der direkt beim Klausner und Kunstmaler Hans
Anthon Wagner zu bestellende Lebensbericht. Wagner lebt seit Jahrzehnten in
einem alten Schäferkarren auf der Schwäbischen Alb. Im ersten Leben war er
Grafikdesigner, dann entschied er: „Ich bin mir selbst genug.“ Seither schaut
er ohne metaphysischen Überbau in die Landschaft, freut sich des ruhigen
Lebens und ist immer wieder aufschlussreicher Gegenstand von Medienporträts,
die sein bescheidenes Leben beschreiben.
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BONN
Die Einsamkeit
als lehrsame
Erfahrung
Single-Blues,
Langeweile, Jammern über Hausarrest: In Corona-Zeiten könnten wir uns eine
Scheibe von der Lebenshaltung der Eremiten abschneiden
von Ebba Hagenberg-Miliu

„Du versäumst jetzt gar
nichts“: Anthon Wagner lebt seit mehr als 40 Jahren als Eremit - in einem
Schäferkarren auf der Schwäbischen Alb
Die
Tagung, zu der Ende November 2019 die Evangelische Akademie Thüringen
eingeladen hatte, trug den Titel: „Niemand ist eine Insel“. Ausgehend von dem
berühmten John-Donne-Zitat wurde fächerübergreifend darüber diskutiert, dass
„insulare Zustände in unserer globalisierten Gesellschaft“ derzeit eine
eigenartige Faszination ausüben, so Studienleiterin Sabine Zubarik. Dass also
eine selbst gewählte Einsamkeit in der Literatur, im Film oder als
gesellschaftspolitisches Gedankenspiel geheime Wünsche vieler Menschen
bediene.
„Inselfantasien sind keineswegs neu, aber im Zuge einer global orientierten
Gesellschaft erhalten sie neues Potenzial“, erklärte Zubarik. Der fantasierte
Rückzug habe das Ziel, „über den Stellenwert eines Menschen im
gesellschaftlichen Austausch und über die Sehnsucht des Einzelnen nach
Reduktion nachzudenken“.Schließlich wandte man sich auch dem realen Inselleben
zu, nämlich heutigen Eremiten, die sich bewusst für das konsequente
Alleinsein entscheiden. Das sei doch echt eine interessante Alternative zum
alltäglichen Chaos, äußerten die Teilnehmer nachdenklich.
„Einsamkeit ist ein Event.
Schon Jahrzehnte habe ich
kein Kino mehr von innen
gesehen. Wozu auch?“
(Anthon Wagner,
schwäbischer Einsiedler)
Schon
bald nach dieser Tagung sollten die Schlussfolgerungen plötzlich in einem
ganz neuen Licht erscheinen. Am 1. Dezember 2019 wurden im chinesischen Wuhan
die ersten Symptome einer neuen Viruserkrankung sichtbar. Im Zuge der
Pandemie sollte das Corona-Virus bald zu weltweiten Kontakteinschränkungen
oder gar zur totalen Isolationspflicht führen. Seither müssen sich Milliarden
Menschen sozusagen auf eine Insel begeben, um Leben zu retten.Seit Wochen
wirbt auch das Berliner Bundesgesundheitsministerium für die freiwillige
Isolation: mit dem Hashtag „Zusammen gegen Corona. Wir bleiben zu Hause“. Aus
der bei der Thüringer Tagung geäußerten „grenzwertigen, jedoch anregenden
Vorstellung“, an einem abgeschiedenen Ort der permanenten Beschallung und dem
Stress des Alltags zu entgehen, war auf einmal bitterer Ernst geworden. Der
Mensch, das soziale Wesen, muss seither, zumal wenn er als Single lebt,
allein zurechtkommen.Womit inzwischen nicht wenige an ihre Grenzen stoßen.
Nicht mehr ins Kino oder in Konzerte, nicht in die Kneipe oder ins
Fitnessstudio gehen zu dürfen – sei das nicht eine inakzeptable Zumutung, ja
gar eine Bedrohung für die seelische Gesundheit? Den Tag lang in der Wohnung
und im Homeoffice zu hocken, ohne sich mal schnell mit den Kollegen oder
Freunden zum Latte macchiato zu treffen – mache das nicht noch den Letzten
verrückt?Psychologen sind sich einig: Langeweile in den vier Wänden verstärkt
den Single-Blues. Die Pandemie steigert die Sehnsucht nach körperlicher
Zuneigung. Ersatz muss her. Umfragen zeigen, dass Dating-Apps und Pornoseiten
steigende Nutzerzahlen verzeichnen. Einsamkeit sei oft ein Vorläufer für
gesundheitliche Probleme wie Depressionen, Angst- und Suchtstörungen, warnen
Mediziner. In den Medien werden sofort Adressen der Hilfe-Hotlines und
Telefonseelsorge hinzugedruckt.
„Eremiten dürfen auf keinen Fall Romantiker sein. Eremitagen sind keine
Idylle, sondern geistige und geistliche Kampfplätze.“ (Schwester Renate,
Eremitin in NRW)
Mitmenschen
posten: „Ich bin in die Großstadt gezogen, um der Isolation des Dorfes zu
entkommen. Und nun sitze ich wütend auf meinem Bett und schreibe diesen Text.
Allein. So isoliert wie nie zuvor.“Kluge Köpfe warnen: Die
Grundrechtseingriffe im Corona-Jahr 2020 seien extremer als jemals
befürchtet. Eine komplette Bevölkerung lasse sich unter Hausarrest stellen,
ohne großen gesetzgeberischen Aufwand, mit einem Fingerschnippen der
Exekutive quasi. Und nach Umfragen stimmten dem mehr als 90 Prozent der
Deutschen lammfromm zu. Einzelne marschieren mit Schildern durch die Stadt
wie: „Keinen Bock auf Polizeistaat und Überwachung zu haben, ist nicht
unsolidarisch, sondern fucking notwendig“. Andere reichen gegen die Beschränkungen
Klage ein, die deutsche Gerichte bislang zurückweisen. Im Netz versuchen
derweil Neonazis, Reichsbürger und Linksextreme, mit Propaganda und
Verschwörungstheorien aus der Not-situation Kapital zu schlagen.
„Meine Lebensregel heißt:
den überwiegenden Teil des
Tages im äußeren und
inneren Schweigen zu bleiben.“
(Bruder Gereon,
friesischer Eremit)
An
diesem Punkt lohnt ein Blick darauf, wie heutige Eremiten leben, diese
seltsame Spezies, die die Abgeschiedenheit vom Alltagstrubel selbst gewählt hat.
An die 100 dieser Menschen soll es unter Katholiken und orthodoxen Christen
in deutschsprachigen Ländern geben. Dazu kommen Eremiten anderer Religionen
und sozusagen Feld-Wald-und-Wiesen-Einsiedler.Die „strenge Trennung von der
Welt“, die „Stille der Einsamkeit“, so formuliert es das katholische
Kirchenrecht, die Askese und meist auch die Enthaltsamkeit sind ihnen allen
zum Prinzip geworden. Eremiten versagen sich jegliche Besuche, Ausflüge und
die Teilhabe an geselligen Terminen, deren Mangel aktuell Geschädigte der
Corona-Krise so beklagen. Eremiten bleiben von sich aus in ihrer Klause, die
sich an Kapellen befinden kann, wie im Fall der Godesberger Schwester
Benedicta oder bei Bruder Hugo im niederländischen Warfhuizen. Eremiten
können aber auch im Mehrfamilienhaus um die Ecke wohnen, ohne dass die
Nachbarn davon wissen – oder im Schäferkarren auf der Schwäbischen Alb
wie Anthon Wagner.
„Ich muss mir Rechenschaft
über mein Leben abgeben.
Ohne
eine feste Tagesstruktur
geht
alles den Bach runter.“
(Bruder Hugo,
niederländischer Eremit)
Diese
Eigenbrötler teilen in ihrem selbst gewählten Asyl aber durchaus auch die
Leiden der ungewollt Einsamen in der Corona-Krise. Denn das plötzliche
Alleinsein ist für jeden erst einmal anstrengend. 24 Stunden nur für sich
sein: Das kann endlos lang werden.Selbst Anthon Wagner, der seit mehr als 40
Jahren in einem zwei mal zwei Meter großen Schäferkarren lebt, sagt: „Ich
habe lernen müssen, mir selbst Aufgaben zu stellen, Kreativität aus dem
Nichts zu entwickeln und dann auch dran zu bleiben. Sei es beim Tun oder
Denken.“ Andererseits ist er Lebenskünstler genug, sich auch immer mal wieder
nur der Natur um ihn herum hinzugeben. „Ganz ohne Zweck. Und immer mit der
beruhigenden Gewissheit: Du versäumst jetzt gar nichts.“ Doch ohne feste
Zeiteinteilung kommen auch die meisten Eremiten nicht aus.Damit sein Leben in
Zurückgezogenheit und Stille gelinge, brauche er eine Hilfe, die seinem Tag
Struktur gebe, erläutert Bruder Gereon. Er ist ein Eremit in Friesland, der
früher mit Jürgen Becker auf rheinischen Kabarettbühnen herumturnte, ein
einstiger Mann des Wortes also, der jetzt das Schweigen so braucht wie das
Atmen. Er habe diese Hilfe in den katholischen Stundengebeten gefunden, die
den neuen Pulsschlag seines Lebens bildeten.
„Nach einem halben Jahr
als Eremitin begann ich,
nicht mehr stolz zu sein.
Das
vergeht einem dann.“
(Schwester Benedicta,
Eremitin in Bonn)
Mag
das Alleinsein selbst für Einsiedler anfangs schwer sein – sie begreifen
es als Chance, innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Was aber praktisch heißt:
Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen, wie es derzeit auch die von
den Beschränkungen der Corona-Krise betroffenen Singles erleben. „Man muss
lernen, sich selbst auszuhalten. Und dann kann man die Schuld nicht mehr bei
anderen suchen“, beschreibt Schwester Benedicta, seit 15 Jahren Eremitin an
der Godesberger Michaelskapelle, die Aufgabe. Der Einsame, ob nun freiwillig
oder erzwungen, muss dem eigenen Blick standhalten.Er findet damit aber die
Voraussetzung vor, einmal Kassensturz zu machen, sein Leben, seine
Beziehungen und Bedürfnisse auf die Waage zu legen – und vielleicht
Konsequenzen zu ziehen. Für den Eremiten, aber auch für den Menschen in
Corona-Zeiten gibt es also keine kleinen Fluchten mehr. Aber jetzt können sie
endlich ein ganz anderes Abenteuer starten, das wohl spannendste überhaupt:
die Reise nach innen, zu sich selbst. Wenn die gelinge, könne man erfahren,
welches Potenzial bisher unerkannt in einem schlummerte, berichtet Anthon
Wagner. „Auch verrückte Gedanken sollte man zulassen. Das kann richtig Spaß
machen.“
„Schenken Sie sich selbst
Eremitenstunden. Lernen
Sie,
die Stille auszutrinken,
um
Ihr Leben wieder neu zu
ordnen.“
(Schwester Maria Baptista,
Schweizer Eremitin)
Wie
wäre es also, in der erzwungenen Einsamkeit der Corona-Pandemie von den
Eremiten zu lernen? Anthon Wagner, der Einsiedler von der der Schwäbischen
Alb, hat eine Antwort auf die Frage: „Ob andere etwas von mir lernen können,
weiß ich nicht. Vieles klappt nicht spontan. Es braucht Übung. Wer sich
darauf einlässt, könnte vielleicht Glück erfahren – und Vertrauen zu
sich selbst.“Findige Veranstalter haben in dieser Hinsicht schon vor Jahren
eine Marktlücke entdeckt. Für denjenigen, der Erholung fernab der Reizüberflutung
sucht, gibt es Auszeiten in katholischen und evangelischen Klöstern zu
buchen. Stille- und Exerzitienhäuser haben Einzelgast-Aufenthalte
vorbereitet, damit der Bedürftige seinen Standort neu bestimmen kann.Ein
weiteres eremitisches Schnupperangebot bildete bis 2019 zehn Jahre lang das
Projekt „Turm-Eremit“ im österreichischen Linz. Mehr als 150 Probe-Eremiten
nutzten dort die Möglichkeit, die 395 Stufen des Mariendoms hinaufzusteigen,
um jeweils eine asketische Woche im karg ausgestatteten Turmstübchen zu
verbringen. Bei Kost und Logis galt es, innezuhalten und über das eigene
Leben zu reflektieren. Erst nach der Domrenovierung soll es damit
weitergehen.Dieses Erlebnis kann in Corona-Zeiten jeder in seinem Heim-Büro
preiswerter haben. Die Kollegen und Freunde sind zwar online nah, aber analog
fern. Den nervenaufreibenden Weg zur Arbeitsstelle kann man sich sparen. Der
Tag kann aufs Wesentliche konzentriert werden. Man kann Ballast abwerfen –
und vielleicht aus neu gewonnenen Kräften auch einmal wirklich Zeit für ein
Anteil nehmendes Telefonat oder einen Brief an andere finden, die es wert
sind. Wie Eremiten es tun. Die meisten von ihnen betreiben nämlich eine Art
Seelsorge. Sie leisten Hilfesuchenden Beistand. Und zwar kostenlos und
uneigennützig.
„Die Kunst zu leben
ist die Kunst zu lassen.
Und nach dem Geben
nicht mehr nachzufassen.“
(Anthon Wagner,
schwäbischer Einsiedler)
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Hans
Anthon Wagner lebt in einem Schäferkarren am Rande des Naturpaks Schönbuch
nahe Tübingen: ohne Strom und Telefon, ohne Internet und fließendes Wasser.
Text: Claus-Peter
Simon Fotos: Jean-Claude Winkler
Das Metall erwärmt sich und
beginnt leise zu knacken, wenn am Morgen erste Sonnenstrahlen auf das
Blechdach des alten Schäferkarrens scheinen. Dieses Geräusch weckt Hans
Anthon Wagner. Er nennt es daher seinen „Wecker mit eingebautem
Wetterbericht“. Eine laute Uhr empfindet er dagegen als Bevormundung:
Verschläft er, habe er den Schlaf ja ganz offenbar gebraucht.
Wagners
Karren steht auf seinem Grundstück am Rande des schwäbischen Naturparks
Schönbuch. Nur zu Fuß und querfeldein kann man sein Zuhause nahe am Waldsaum
erreichen, kein Weg führt dorthin. Hinter einem Pflaumenbaum geht es links,
dann rechts an einem Walnussbaum vorbei bis zu einer versteckten Lichtung
zwischen Obstbäumen, die Wagner „mein Wohnzimmer“ nennt.

Vor seinem Schäferkarren
sitzt Hans Anthon Wagner häufig, liest, schreibt Gedichte oder genießt die
Natur.
Den genauen Standort will er nicht verraten: je
weniger Menschen den kennen würden, desto besser. Schwer ist der alte Karren zwischen den Bäumen auszumachen: Er ist nur zwei Meter lang
und 1,80 Meter breit. Das Leben in dem Mini-Zuhause bedarf guter
Organisation. Ein schmales Bett, ein Tisch, ein hüfthoher Ofen mit
Kochstelle, einige Bücher, ein paar Stifte, Pinsel und Skizzenblocks - für
mehr ist nicht Platz.
Ein
Plumpsklo ist im Gebüsch versteckt.In
Eimern sammelt Wagner Regenwasser: Er trinkt es oder wäscht sich damit,
verwendet es zum Kochen, spült dann darin das Geschirr und gießt schließlich
seine Pflanzen.

Ein schmales Bett, ein
Regal, für viel mehr ist auf 3,6 Quadratmetern kein Platz
Weil
er keinen Kühlschrank besitzt, muss er auf manche Lebensmittel wie etwa
Butter verzichten. Dafür gibt es bei ihm am Morgen selbst gemachte Marmelade
aus eigenen Früchten und frische Eier von seinen zwei Hühnern.
Was
manchem wie ein eher karges, entbehrungsreiches Leben erscheinen mag, ist für
Wagner pures Glück. Und obwohl er ein einfaches Dasein ohne Strom, fließendes
Wasser, Telefon, Radio, Internet oder TV-Gerät führt, beneiden ihn offenbar
nicht wenige: Die Außenwände seines Karrens sind voller Botschaften von
Wanderern, die an seinem Zuhause vorbeikamen, ihn aber nicht antrafen. „Darf
ich hier einziehen?“, steht dort etwa. „Leider schon besetzt“, hat Wagner
darunter gesetzt.
1973
entdeckte der 28-Jährige den fast 200 Jahre alten Karren auf dem Hof eines
alten Schäfers. Der Wagen war gebaut worden, damit Schäfer auch bei der Herde
ein Heim haben und es verlagern können, wenn die Tiere den Weidegrund
wechseln.
Damals besaß der Grafiker eine kleine Werbeagentur. Die Firma
lief gut, brachte aber eine Menge Arbeit mit sich. Der Karren eröffnete ihm
eine ersehnte Möglichkeit zur Erholung: Hier konnte er inmitten der Natur
leben, ein Siedler im Grünen werden. „Du kannst den Karren haben, wenn du ihn
in Ehren hältst und einen guten Platz findest“, sagte der alteSchäfer zu ihm.

Das spartanische
„Badezimmer“; ein Plumpsklo befindet sich in der Nähe im Gebüsch.
Wagner
grübelte nicht lange, gab seine Wohnung auf, verkaufte sein Auto, verschenkte
seine Firma an die Mitarbeiter. Er restaurierte den Karren, erwarb ein
Grundstück – und begann ein neues Leben.
Seit
seinem Umzug ins Grüne ist er Berufspendler. Während der Woche spaziert der
Künstler täglich zwei Kilometer ins Dorf Breitenholz. Dort hat er eine
Galerie und ein Atelier. Dort zeichnet, druckt und verkauft er Bilder. Auch
sein Buch „Schäferkarren-Philosophie“ kann man hier erwerben.
Am Abend schultert Wagner
seinen Rucksack und wandert zurück zu seinem „kleinen Stückchen Freiheit“ im
Grünen. Dort angekommen setzt er sich auf ein Holzbänkchen und blickt hinab
ins Tal. Passanten denken dann oft, er meditiere. Dabei tut er gar nichts, er
schaut nur in die Landschaft. Manchmal liest er, schreibt ein Gedicht oder
trinkt selbstgemachte „Dichterminze“: einen frischen Minztee mit einem Schuss
Obstbrand.

Den genauen Standort des
Karrens verrät Wagner nicht, weil er seine Ruhe haben will.
Ist
es Zeit, ins Bett zu gehen, streift er seine Schuhe vor dem Karren auf der
ehemals rotgelb gestreiften Flechtmatte ab, die über die Jahre eine erdige
Tarnfarbe angenommen hat und zu einem Unterschlupf für Kleintiere geworden
ist.
Drinnen
zündet er eine Kerze an und entfacht im Ofen ein Feuer. Nach kurzer Zeit
breiten sich wohlige Wärme und der würzige Geruch nach Holzfeuer in dem
kleinen Raum aus. Sorgfältig hängt er seine Kleidung auf und schlüpft ins
schmale Bett.
Eine
Weile lauscht er dann den Stimmen der Natur: dem Prasseln von Regentropfen,
dem Gesang der Vögel, dem Zirpen der Grillen, manchmal auch dem Grunzen von
Wildschweinen.
Seit
mehr als 40 Jahren lebt Hans Anthon Wagner nun schon in diesem Rhythmus, er
pendelt zwischen Dorf und Karren, zwischen Atelier und Obstwiese. Häufig
fragen ihn Menschen, ob er denn nicht einsam sei. Nein, sagt er dann.
Schließlich habe er immer Gesellschaft: seine Hühner, stromernde Katzen,
Fuchs und Dachs. Zuweilen auch vorbeikommende Wanderer.
Und
letzten Winter haben viele Dutzend Marienkäfer die kalten Monate bei ihm
verbracht, geschützt in einem alten Leinensack, der draußen neben der Tür
hing.
Als die
Strahlen der Sonne wieder wärmer wurden, krochen sie hervor – und schwirrten
ins Grüne. Hinaus in Wagners Welt.
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